Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 5 (5.1909)
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 85 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho $cbwuan$>nacl>t. Wieder einmal hatte» sie sich alle in der guten Stube des Parnes Joel Glücksbnrg zusammen gesnuden. Der grosse Dowid und der kleine Bornch, der dicke Todderes und der hagere Schlome »nd alle die ändere». Sie hielten die Seforim, die sie von Vätern nnd Grosivätern ererbt, in den Händen und lernten. — Es war eine heiße Sommersnacht. In der niederen Stube, die schon jetzt mit dichtem Tabaksgnalm gesüllt war, ward es schwül nnd dumpf: hie nnd da war schon der eine »nd der andere sanft cingeschlafen — aber die Alten lernten ruhig weiter. Sic merkten nicht den Ranch, sie spürte» nicht die Hitze, sie sehnten sich nicht nach der Nachtruhe — sie lernten. Der alte Lehrer war der eifrigste von allen. > Mit einer tief innigen Frömmigkeit rezitierte er die einzelnen Parschiaus der Tauroh und eine Mischno kam »ach der anderen in dem altbekannten singenden Ton des „Lernens" über seine Lippen. . Er hatte seine Umgebung ganz vergessen. Die Worte der Tanroh und der Chachoiniin hatten ihn ins Sinnen und Träume» gebracht — das Schwuausfest stieg in seiner Heiligkeit vor ihm auf, er glaubte den Donner von Matlan Tanroh zu hören nnd sein Herz ward erfüllt mit Weihe und Andacht. — Da fuhr er auf. Ein paar halbwüchsige Burschen, die das Lernen „nicht mehr nötig hatten", waren mit Lachen nnd Johlen ins Zimmer getreten. Es waren die Söhne von angesehenen Mitgliedern der kleinen Gemeinde, die aber mit billigem Spott und Ueberhebnng auf die frommen Väter herabblickten. Und die Väter seufzten, ließen sie sonst aber »nbehelligt.— Der alte Lehrer hatte sie alle groß werden sehen, zind mit tiefem Schmerze sah er, daß sie seiner Zucht »nd den Worten seiüer Liebe längst entwachsen waren. Der alte Lehrer sah ärgerlich auf —- in der Schwuausnacht wollte er sich nicht stören lasten. „Scht" machte er — aber sie hörten nicht auf ihn und witzelten weiter.. „Ruhe" rief er — aber keiner der Jungen nahm Notiz davon. Ta stand er langsam ans. kam hinter dem Tische hervor und stand nun plötzlich zwischen seineneinstigen Schülern. „Ich will Euch eine Geschichte erzählen", sagte er, und sah sic dabei so ernst und traurig an. daß sie betroffen stille schwiegen. „Ein Vater hatte einst ein krankes Kind. Schon viele Tage lag cs darnieder, ohne, daß ihm alle Kunst der Aerzte helfen konnte. Aber schließlich schien es doch besser mit ihm zu werden, und nach bangem Harren und Warten, nach Weinen und Wehklagen sah man die Besserung leise an das Bett des Kindes treten „Morgen wird es sich entscheiden hatte der Arzt gesagt, nnd so war die letzte Nacht herangekommen. Der Vater ivich nicht von dem Bette seines Kindes, er betete nnd wachte Stunde um Stunde bis der Morgen graute, und langsam die Sonne am Himmel herauf stieg. Und da war auch die Errettung gekommen, das Kind genas nnd lebte. —