Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 3 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 50 in der Eisenbahn hierher bemerkt habe, sind jüdische junge Männer bei Euch anzntreffen, deren Wesen mir, soweit ich in einer Stunde bemerken konnte, sehr zugesagt hat, und die auf mich, der ich ein Menschenkenner zu sein, mich rühmen darf, einen vorzüglichen Eindruck gemacht haben. Uud, wie ich höre, stehen sie auch geschäftlich und finanziell sehr günstig da, warum habt ihr Eure Aufmerksamkeit noch nicht auf diese gerichtet?" „Ja, gab Herr Levi zur Antwort, was Du von den hiesigen Herren sagst, trifft zu, aber siehst Du, ich habe meine Tochter in bessere Schulen geschickt, sie hat die Stadt kennen gelernt, ist von dem Leben dort entzückt, es sagt ihr zu und meine Frau hält das Mädchen für zu gut fürs Land, und will ihr eine schöne, vergnügungsreiche Ehe sichern und auch mir scheint eine Versorgung in der Stadt besser uud angenehmer zu sein, als hier auf dem Lande. Was bietet denn das Dorf Schönes und wie kann man es nur mit dem Stadtleben in einem Atem nennen?!" „Nun, sagte der Freund, wir wollen als Männer reden, und alles genau und reiflich überdenken und nicht die Frauen aus uns heraussprechen lassen. Du fragst, was hat denn eine junge Frau auf dem Lande? Zunächst hat sie doch ihre Eltern am Platze, sie befindet sich im Kreise ihrer- Verwandten; sie kann sich aussprechen mit ihrer Mutter, kann sich Rat holen, Ihr seid ihr nahe in jedweder Not und jedem Leid, das ihr ebensowenig, erspart bleiben wird, wie andern Menschen. Sie ist hier angesehen uud geschätzt, uian kennt und würdigt sie. Wie wirds ihr in der Stadt ergehen? An „Bekannten" und „Freunden" wird es ihr schon zu Anfang nicht fehlen. Aber diese sind nur. recht zum Gutentag sagen, ab und zu einmal eine Visite, aber sie taugen nicht, um ein ernstes Wort zu reden, um sich ihnen zu offenbaren, und sie um eine Gefälligkeit oder um einen Dienst anzngehen. Und nur so lange steht man bei ihnen im Ansehen, als man durch Aufwand zeigt, daß man vermöglich ist. Macht man nicht in der gewohnten Weise mit, so bemerkt man bald, daß man in der Achtung dieser Freunde einige Stufen gesunken ist. Hier dagegen ist deine Tochter immer dieselbe, man kennt sie und ihre Eltern, wie sie sich auch nach außen hin geben, man weiß, wer sie ist und sie gilt, das bin ich überzeugt, tausendmal mehr, als in der Stadt, wo sie Eine unter Tausenden ist." Herr Levi entgegnete: „Ja, du scheinst in diesem Punkte nicht ganz Unrecht zu haben, habe ich doch schon des Öfteren, wenn ich bei meiner Schwester zu Besuch war, bemerkt, wie oberflächlich diese Freundschaften sind, wie eilig und flüchtig man sich in der Stadl begrüßte und nnterredete, als ob man sagen wollte, 's ist gut, verschonen Sie mich mit Ihren Sorgen, ich muß eilen, meine eigenen zu tragen. Aber siehst Du, lieber Freund, in der Stadt giebt es doch Gelegenheit, ich will nicht gerade sagen, sich zu amüsieren, aber ich fasse es tiefer auf, sich weiter zu bilden, einen Vortrag zu hören, ein Konzert auf sich wirken zu lassen, das Theater zu besuchen, und dergleichen mehr, was wir alles auf dem Lande nur selten oder gar nicht haben". Da lachte der Stadtherr herzlich, als ihn Herr Levi erstaunt ansah, sagte er: Kennst Du das Liedlein nicht, das einen Vers enthält mit den Worten: „Wenn Du verheirat' bist, dann hören die Possen auf." Weißt Du, wie oft meine Fran seit ihrer 25jährigen Ehe ins