Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 3 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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bürgerlicher Freiheit, hat die deutsche Judeuhcit — ob auch unter maucheu unheilvollen religiösen Nebenerscheinungen — ihren Befähigungsnachweis für ihr geistiges und sittliches Können erbracht Indessen hat auch dieser Nachweis weder das Vorurteil, noch auch den Hak gegen die Juden beseitigt, und cs zeigte sich ein neuer Rechenfehler in der Anteilnahme an den Fortschritten der Neuzeit, ein Fehler, der allerdings hätte vermieden werden müssen und hätte vermieden werden können, wenn man nicht wieder in allzu einseitiger Weise, und, wieder auf Kosten anderer Lcbcnsbcrufe, gerade das Studium und den Kaufmannsberuf überfüllt hätte. Und gerade das Studium, oft im Hinblick auf die vielen Stipendien, von zahlreichen, weder besonder» besähigleu noch auch mit den nötige» materiellen Mitteln ausgeftattcten Schülern, hat leider zur Folge gehabt, daß sich allmählich ein Gcistcsprolctariat in unserer Mitte entwickelt hat, das sich sehr häufig vergebens aus den Mühsalen des Lebenskampfes emporzuringcn sucht. Ich will hier keine statistischen Belege für meine aus einer mehr als sünsnndzwanzigjährigcn Erfahrung gesammelten Praxis aufstellen. Sie Alle, meine Herren, wissen ja auch, daß man aus statistisch zusaniniengestellten Zahlen sehr vieles machen kann, was mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht übereinstimmt. Jedoch, und was Sie auch Alle wissen, ist cs eine sehr bedenkliche und für die Zukunft des Judentums eine große Gefahr in sich bergende Tatsache, daß die so oft genannte Landflucht bereits eine große Zahl von kleinen jüdischen Gemeinden aufgelöst hat. Nicht nur vom rein religiösen Standpunkt allein, sondern auch vom ökonomischen, bedeutet dies eine S ch w 8 ä> u n g des deutschenJudentunis und vom rein politischen, sozialen und sittlichen Standpunkt aus bemessen, wirkt das Zuströmen der Juden zu den großen und Großstädten so ungemein nachteilig, daß wir allen Ernstes darauf sinnen müssen, rechtzeitig der Gefahr ins Auge^zu sehen, die der deutschen Judenheit hier droht. Schon vor einem Jahrhundert haben weitausblickende Männer diese Gefahr vorausgesehcn und durch Stiftungen und Gründungen versucht vorzubeugen. So entstanden in Posen, in Berlin u. a. O. Vereine zur F örderung der Bodenkultur unter den Juden, die aber nur wenig beachtet wurden. Erst gegenwärtig, wo inan allmählich in jüdischen Kreisen einsieht, daß weder die finanzielle Macht noch der Zustrom zu den Universitäten, »och auch die Beschäftigung mit liberalen Künsten den Juden die Gleichberechtigung bringen wird, und daß nur die Beteiligung an allen Erwerbszweigen, an allen Orten des Reiche» und nicht nur in den groben Städten die wirkliche Emanzipation herbciführcn kann, wendet man sich mit Ernst der Frage zu: .wie erhaltc» >v i r u n s e r e kleinen Gemeinden und wie gewinnen wir unsere jüdischen Mitbürger für den jüdi-schen Bauernstand?" Diese beiden Kardinalfragen beschäftigen am meisten Ben Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands. Ihn konnte es nicht befriedigen, daß hier und dort, die Juden auf dem Lande etwas Landwirtschaft, und auch diese oft nur durch einen Taglöhner betrieben, im Haupterwerb aber Geschäftsleute und Händler, mit und ohne Läden auf dem Lande lebten. Tenn die Erfahrung hat gelehrt, daß die Kinder dieser „Halbbauern" und „Halbhandclsleute" stets, und meist schon zu Lebzeiten der Eltern, das Dorf verlassen und kein bodenständiger und der Scholle anhängliche» Element werden. Deshalb mußte da» Ziel de» Verein» fein und zur Devise erhoben werden; ganze und tüchtige jüdische Bauern, die selber ihren