Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1908
- Issue
- 2 (11.1908)
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 36 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4903180-5965933-5965950--055-4903229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
86 dieser große Maun, der ein Jugendfreund des weltberühmten Rabbi Jecheskel Landau in Prag gewesen, im Bolksmunde fort. Es war im Jahre 1805, Rabbi Alexander war damals ein ehrwürdiger Greis von 76 Jahren, als der erste König von Württemberg, Friedrich I, der hon Napoleon gerade um diese Zeit vom Kurfürsten zum König erhoben ward, mit dem Rabbiner von Freudenthal in Berührung kam. Der König hatte sich in dem romantisch gelegenen Freudenthal ein Schloß geschmackvoll hergerichtet, das er alljährlich zu mehrwöchentlichem Sommeraufenthaltbewohnte. An einem frühen Sommermorgen fuhr der König in den Wald. Als der königliche Jagdwagen in die Nähe der Synagoge kam, da bemerkte der hohe Herr einen stattlichen ehrwürdigen Greis, der in den Betmantel (Tallis) gehüllt und die Gebetriemen (Tefillin) auf dem Haupte, im Synagogenhof stand und laut fremdklinizende Worte sprach, sodann aber in der Synagogenhalle seinen Blicken entschwand. Der König, angezogen durch diese weihevolle Er- . scheinung, hatte die Lust zu jagen verloren. Er kehrte in sein Schloß zurück. In der Vormittagsstunde hielt ein Hofwagen vor dem Rabbinatshause (dem sog. „Schlößschen", das einst die Thüngen bewohnten). Ein königlicher Hoflokai trat in die Wohnung des Rabbiners ein mit dem allerhöchsten Aufträge, der Rabbi möge alsbald vor Seiner Majestät erscheinen. Der Rabbiner, nicht wenig erstaunt über die hohe Ehre, legte sein Festgewand an, um dem königlichen Befehle sogleich Folge zu leisten. Die Rabbiner der damaligen Zeit hatten ihre eigene Tracht, einen dreieckigen Hut, einen Frack mit breiten Schößen, kurze Beinkleider, lange seidene Strümpfe,. Schuhe mit silbernen Schnallen. So erschien der Rabbi, geleitet von dem diensthabenden Adjutanten, vor dem König. Gnädigst und huldvoll empfing der König den Greis im Silberhaar und hieß ihn, Platz nehmen. Durch einige Fragen nach den Lebensverhältnissen des Rabbiners und nach dem Stand seiner Gemeinde hatte der König schon die Ueberzeugung gewonnen, daß ein hervorragender israelitischer Geistlicher vor ihm stand. „Wie alt seid,Ihr?" fragte ihn der König. „76 Jahre habe ich mit Gottes Hilfe zuruckgelegt", antworte der Rabbi. „Wie groß ist Eure jährliche Besoldung?" fragte der König weiter. „175 ( Gulden, Majestät". „Wie stark ist Eure Familie?" „12 Kinder hatte ich und 6 sind nvch am Leben". „Und wie könnt Ihr bei so geringem Einkommen Eure Familie ernähren?" fragte der König erstaunt. „Majestät!" erwiderte Rabbi Alexander, „die Thora ist ein Baum des Lebens für die, so an ihr festhalten!" „Was habt Ihr denn heute morgen gesprochen, als ich Euch an der Synagoge stehen sah?" „Den Segen, den jeder Jude zu sprechen hat, wenn er seinen Landcsfürsten sieht." „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt,, der Dn pon Deiner Majestät einen Teil ans den irdischen König übertragen hast". Der König reichte dem Rabbi die Hand, sichtlich erfreut über die