Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1908
- Issue
- 2 (11.1908)
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 31 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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31 über der Großstadt, und wer einmal in Stadtgeschäfte hineingesehen hat weiß, es ist da auch nicht alles Gold, was glänzt. Der Dorfhandwerker muß also etwas können und verstehen; sonst ist er schnell von der vorwärts hastenden Zeit überholt und kommt zum alten Eisen. Darum denke keiner gering von der theoretischen Weiterbildung. Handwerkerfachschulen gibt's überall; die sind nicht nur für die Städter, die sind gerade so gut für das Dorf. Es ist ein Unding, wenn ich ein Bauernhaus bauen will, daß ich in die Stadt gehe und den städtischen Baumeister bitte: „Mach mir den Riß für ein richtiges Bauernhaus." Nein, auf jedem Dorf oder zum wenigsten im Nachbarort muß ein Baunieister zu Hanse sein, der das genau so gut oder besser versteht wie der Maurermeister, der Zimmermann in der Stadt. Also, das Dorfhandwerk muß sich dranhalten, daß es nicht von der Stadt überholt wird, und muß jede Gelegenheit wahrnehmen, sich weiterzubilden und zuznlerne». Maurer und Zimmerleute gehen in den Wintermonaten auf die nächste Baugewerkschule, Schmiede besuchen den Kursus für Hufbeschlag, Tischler, Schlosser, Schneider, Müller bilden sich in ihren Fachschulen. Und sage nur keiner: „Wozu soviel theoretischer Kram? Die Praxis allein macht's!" Nein, die machk's allein nicht. Ich kann ein ganz guter Schneider sein und eine feine Männerhose anfertigen können; wenn ich aber die Theorie des Zuschneidens nicht gelernt habe, kann,ich nicht konkurrieren; und so ist es mit jedem Dorfhandwerk. Habt ihr nicht die Mittel zum Besuch einer Fachschule, dann laßt eure Kinder wenigstens ein paar Jahre auf Wanderschüft gehen, und vergeßt ihr selbst nicht, ich sag's noch einmal, selbst euch fortzubilden. Das besorgen die Gewerbevereine auch bei uns auf dem Lande oft recht gut: Da werden Vorträge gehalten, wo man immer etwas mit nach Hause nimmt, da wird manches besprochen, was uns von Nutzen in unserni Beruf sein kann. Lest auch eine Fachzeitung, die paar Mark jährlich für das Abonnieren sollen euch nicht dauern, ihr habt das Geld durch Erweiterung eures Gesichtskreises in kurzem wieder heraus. Ich kenne Handwerker auf dem Lande, die fleißig an ihrer Fortbildung weitergearbeitct und manches gelesen haben. Das war eine Freude, da in die Werkstatt zu treten. Da brauste der Benzinmotor: von ihm getrieben wurden Drehbänke und Hobelmaschinen, und die Dynamomaschine zur Beleuchtung des ganzen Hauses fehlte nicht. Ja, aber die Kosten l Woher das viele Kapital nehmen? Nun ich denke, die Handwerker in der Stadt müssen teilweise auch mit fremdem (Selbe arbeite»; wenn die's bekommen, bekommts der Dorfhandwerker auch. Darum tut euch zusammen, gründet Genossenschaften oder sucht den Anschluß an. eine bestehende Dahrlehnskasse. Wer tüchtig, fleißig und strebsam ist, dem wird auch immer Kredit gewährt. Daß solcher Zusammenschluß etwas für sich hat habe ich neulich von unserm Schmied gelernt. Wir redeten über Schmiedekohlen und er erzählte mir, daß ihre Innung gemeinsam den Bedarf decke, zu zwölf jedes Jahr acht»Doppelwaggon. Wenn einer gleich acht mal 800 Zentner bestellt, bekommt er's natürlich billiger, als wenn er