Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1908
- Issue
- 1 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 16 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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16 »Der Staatsminister müßte auch geboren werden, der hier 15 Jahre aushielt, und uns um unsere Stellung und um diese 18000 Mark beneidete. Du hast Recht, wir haben nur 1000 Mark jährlich; aber wir haben 18 Mitglieder und jedes von ihnen denkt, spricht und verkehrt mit mir in einer Weise, als ob die 1000 Mark vou ihm allein gezahlt wurden. Hier kommt's aber nicht darauf an wie wir, sondern wie die Mitglieder darüber denken und daran ist nichts zu ändern." »Wie kannst Du aber meinen, daß ein vernünftiger Mensch so etwas glauben und uns deshalb den Zuschuß versagen könne?" meinte die Frau Lehrer. Auf eine Probe könnte man's schon ankommen lassen und wenn's nichts hilft, so schadet's! auch nichts. Sprich doch einmal mit dem Herrn Vorsteher darüber." »Ein vernünftiger Mensch? Die Vernünftigkeit ist soweit nicht her; sie. mag im Geschäft und in der Unterhaltung wohl bei den meisten vorhanden sein, aber hier versagt sie und wird durch hundert Rücksichten und Erwägungen getrübt und oft gänzlich unterdrückt. Man kann auch nicht sagen, daß ein solcher Schritt, wenn er nichts nützt, jedenfalls nicht schaden könne. Da sind hundert Chaswescholaums möglich; aber ich will Dir Deinen Willen tun. Nicht weil sch mir etwas davon verspreche, sondern um Dich für alle Zeit vor ähnlichen Anwandlungen zu behüten. Morgen früh nach Schul werde ich mit dem Herrn Vorsteher sprechen." Der Vorsteher war ein braver, rechtlicher Mann, der die Verdienste des Lehrers wohl zu schätzen wußte, er war ihm freundlich gesinnt und nahm ihn jederzeit gegen Angriffe und Nörgeleien der Gemeindemitglieder in Schutz. Aber daß ein Lehrer Gehaltsaufbesserung verlangen sollte, war etwas so unerhörtes in Haffelbrunn, daß er den Lehrer groß anschaute und unwillkürlich mit der Hand eine Bewegung machte, als wollte er ihm den Puls fühlen, um sich zu überzeugen, daß der Lehrer nicht im Fieber spreche. Aber dieser wußte die Sachlage in so überzeugenden beweglichen Worten zu schildern, daß der Herr Vorsteher nach einer halben Stunde soweit gewonnen war, daß er meinte, probiren könne man es ja einmal. Das erste wäre nun, daß der Herr Lehrer eine schriftliche Eingabe machen müsse. „Das habe ich mir selber gesagt und gestern Abend aufgesetzt, da ist sie", entgegnete der Lehrer. Der Herr Vorsteher las sie aufmerksam durch; er hatte nichts daran auszusetzen. »Ich werde selbstredend für Ihren Wunsch bei der Gemeindeversammlung morgen eintreten, aber Sie wissen, daß ich nur eine Stimme habe. Wenn Sie sicher gehen wollen, suchen Sie heute jedes Gemeinde- Mitglied auf, um alle für Ihre Sache zu gewinnen, dann wollen wir stir morgen das beste hoffe»; in der Tschuwowoche ist jeder zu Hause, deshalb habe ich auch für morgen eine Versammlung anberaumt, um das diesjährige Gemeindebudget zu bestätigen, was schon längst hätte geschehen sollen." Am Abend desselben Tages erstattete der Lehrer dem Herrn Vorsteher seinen Bericht über die heute abgeftatteten Besuche. Er fiel glänzend aus. Nicht ein einziges Mitglied hat sich ablehnend verhalten.