Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1908
- Issue
- 1 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 15 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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15 lichen und gesellschaftlichen Leben konnten sie ihn nicht auskämpfen, es gab dafür nur ein Gebiet, das allen gemeinsam war, die Gemeinde, die Schul', wie uian in Haffelbrunn noch die Synagoge nannte. Wenn an« nächsten Schabbos Jtzig Hochheimer eine Mitzwo kaufen wollte, so trieb Salme Perlstein den Preis so in die Höhe, daß ein ansehnlicher Teil des Kuhgeschäfts in die Gemeindekaffe wanderte. Wenn der Lehrer, der die Mitzwo versteigerte, sie dann einem der beiden Konkurrenten zuschlug, so waren beide beleidigt, der eine weil er sie ihm überlassen hatte und der andere, weil er die Versteigerung nicht noch länger hinausgezogen hatte, um einen höheren Preis zu erzielen. Und wenn Frau Eitel Emmerich am y nächsten Schabbos mit einem neuen Kleide in die Synagoge zog, welches^ dasjenige von Mindel Thalheimer an Schnitt und Fa^on und greller Farbenpracht ganz ohne allen Zweifel überstrahlte und die Lehrerin es nicht gebührend bewunderte, so war die Besitzerin tödlich beleidigt. Stattete sie aber den gebührenden Zoll an Bewunderung und Anerkennung ab, so war Mindel Thalheimer ihre unversöhnliche Feindin. Zwischen diesen und hundert ähnlichen Klippen und Gefahren bewegte - sich das Leben eines Lehrers in Haffelbrunn, wodurch es auch selten einer länger als eins bis zwei Jahre dort aushielt. Daß Lehrer Simon schon fünfzehn Jahre dort amtierte, genügt eigentlich vollständig zur Würdigung seiner Klugheit und Friedfertigkeit. Er hatte sich durch treue Pflichterfüllung als Lehrer, Chasan und Schochet in diesen Jahren bei Freund und Feind ein Ansehen erworben, wie noch kein Lehrer vor ihm und dieses Ansehen brachte die Frau Lehrerin auf einen Gedanken, mit dem diese unsere Geschichte eigentlich beginnt. Als in der Tschuwowoche die Kinder zur Ruhe gebracht waren und Lehrer Simon mit seiner wackeren Frau allein zusammen saß, meinte diese: „Die Kinder hätten auf Jomtof neue Kleider nötig und auch Dn müßtest auf Jomtof einen Anzug haben, aber ich weiß, daß das jetzt nicht» , zu mgchen ist. Ich meine Dn solltest einmal um Gehaltserhöhung einkommen. Wenn man schon so lange wie Du in Stellung ist und sein Amt wie Du früh und spät, bei Kälte »nd Hitze treu verwaltet, ist das nichts Unbilliges! und die Gemeinde kann's nicht gut abschlagen. Und wenn's nur hundert Mark wären, damit könnten wir die nötigen Kleider anschaffen und es blieb noch etwas für Heizung und Kartoffeln zum Winter übrig, was meinst Du dazu? Diese Woche ist ja so wie so Gemeindeversammlung, wenn's, da durchginge, könnten wir auf Jomtof auch»die Kleider haben." Lächelnd entgegnete der Angeredete: „Die Idee habe ich auch schon oft gehabt, aber damit ist's nichts. . Wo denkst Du auch hin? Neue Kleider ' könnten wir schon auf /Jomtof gebrauchen. Du noch nötiger, als die Kinder i und ich, aber wie kann ich bei einem Gehalt von 18000 Mark noch Aufbefferung verlangen? Das schlag Dir nur aus dem Kopf, wie ich's auch immer tue, wenn meine Phantasie solche Luftschlösser bauen will?" „Was sagst Dy da von 18000 Mark? Das wäre ja eine Stellung um die uns ein Staatsminister beneidete, wir haben eben in Wirklichkeit nur tausend?"