Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 1/2 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Religionslose Ethik X» zu dem, was es gebietet. Nach Kant aber darf diese in keiner Weise als Triebfeder mitwirken. wenn nicht dip Pflichthnndlung Rittlieb wertlos werden soll. Und falls er reebt hätte, wäre es allerdings ratsam, 80 oft man eine Pflicht zu erfüllen hat. sich mit dem lebhaftesten Widerwillen gegen das, was sie verschreibt, zu wappnen, denn auf diese Weise wäre es am sichersten zu erreichen, dass sie Udiglich uro ihrer selbst willen, aus reiner Achtung vor ihrer Mobeit beobachtet würde. Viele wollen den Kantischen (Jedanken, dass eine PHichthandlung, wenn sie voll natürlicher Neigung begleitet ist, unsittlich sei, in dem viel älteren Ausspruch : ״ אל •אביר א' אסש• בנשר חדר אלא אפש־ אלא שחודרח אסרתוman sage nicht, dass ich den (ienuss verbotener Speisen überhaupt nicht mag, sondern man sage: ״ich möchte wohl, aber die Thora verbietet es“ vorweggenommen sehen, allein diese Auffassung ist eine irrtümliche. Dieser Satz besagt nur, dusN nicht die Neigung allein für den Mensch bestimmend sei, sondern das Gebot der Pflicht, keineswegs wird aber eine Ptlichthandlung als sittlich wertlos hezeichnet, wenn sie mit der individuellen Neigung übereinstimmt. Aus der Pflicht eine Neigung zu machen, und so ohne jeden inneren Kampf das (inte zu üben, dürfte der Sinn des Keduschobegriffcs sein, der sicherlich das oberste ethische Prinzip der jüdisehen Sittenlehre sein dürfte. Wer von Natur ein sehr mitfühlendes und wohlwollendes Herz hat, ist zum Gehen und Helfen gern bereit. Hört denn nun *das Almosen auf, löblich zu sein, wenn es freudig gespendet wird? Ks verdiente allerdings keine sittliche Wertschätzung, wenn cs ausschliesslich aus unwillkürlichem Erbarmen gereicht wüde. Ks ist aber trotz einer heftigen Mitleidserregung, die zu ihm auffordert, ein sittlich gutes Werk, wenn es mit bewusster Absicht zu einem guten Zwecke gegeben wird. Das Mitleid selbst ist iihrigens meiner Ansicht uach ein Produkt der Sittlichkeit. Nur der sittlich gute Mensch empfindet das Leid des Anderen mit. Ks ist also verkehrt, in der Gabe des Almosens, in der Unterstützung eines Armen einen verfeinerten Egoismus zu erblicken, in diesen Handlungen nur das Streben zu sehen, die eigenen Unlustgefühle, die beim Anblick eines Dürftigen in uns rege werden, zu heseitigen. Woher stammt dieses l'nlustgefühl. das der Anblick fremden Leids in uns auslöst? Dieses Unlustgcfühl ist ein Ergebnis der