Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 9/10 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Über das Schreiben. werden ebenso oft durch litterarische Floskeln, die harmlos scheinen, die bedenklichsten Trübungen und Verfälschungen der Reinheit nnd Aufrichtigkeit des jüdischen Denkens verursacht S. R. Hirsch hat in scineu Schriften 7.u wiederholtem Male auf die grossen Gefahren aufmerksam gemacht, die von Scblagwürtern wie ״Zeitgeist" u. dgl. ausgehen nnd auf die Bedenklichkeiten einer sorglosen Anwendung von Begriffen wie Religion, Kultur. Theologie usw. auf das, was man unter Judentum zu verstehen hat, hingewiesen. Was hier von einzelnen Wörtern und Begriffen behauptet wird, das lasst sich mehr oder weniger auf alle anwenden. Mit jedem Worte und Begriffe verbindet der Geist der betreffenden Sprache eine bestimmte Vorstellung, und wollte man wirklich sachgemäss Vorgehen, dann bedürfte es bei jedem einzelnen Worte einer genauen Ueberlcgung, ob es auch vollkommen sich deckt mit der jüdischen ÄnscFauungr die darin zürn Ausdruck kommen soll. Fine wirklich genaue Kritik ist hier aber nicht durchzuführen. Wir sind nun einmal in eine Vorstelluugswelt hineingchoreu, deren einzelne Bilder wir als etwas Gegebenes hinnehmen und in solcher Sprache wiedergeben müssen, die uns von Kindheit an begleitet hat, in der wir nicht hlos reden und schreiben, sondern auch - denken und träumen. Wir müssen darum auf völlige Genauigkeit der Zusamincnstimmung von Gedauke und Wort verzichten und froh sein, wenn ein jiidisrher Schriftsteller sich approximativ so ausdrückt, wie cs ungefähr auch Bibel und Talmud gesagt hätten. Von unsern heiligen Schriften sollen wir lernen, wie wir leben, man kaun aber auch — nnd ein jiidisrher Schriftsteller soll von ihnen lernen, wie man schreiben soll. Wir deuken hierbei weniger an die Keuschheit und Reinheit des heiligen Stils, als vielmehr an seine Gradheit und Aufrichtigkeit. Der Stil dieser Schriften kennt nur dort den Zwang einer umschreibenden Ansdrucksweise, wo er mit dieser Umschreibung einen ethischen Lehrzweck verfolgen kann, so in dem bekannten Beispiel des לא נוהור für KCC. Gilt es aber die Wahrheit des jüdischen Gedankens in ihrer ganzen Grösse und Herbheit zu verkünden, dann geht dieser Stil geradeaus auf sein Ziel los, dann scheut er weder die ahstossende Wirkung eines robusten Wortes, noch den beleidigenden, beschämenden Effekt einer das Böse, Gewalttätige, Ungerechte und Unmoralische in seiner Niedrigkeit hlnsstellenden Schmähung. Mit dem Schlechten giebt es kein Kompromiss. Dieses gradlinige Bekenntnis zum Guten, diese schroffe Abweisung jeder Verständigang mit dem Hüsfii verleiht dem heiligen Stil seine Farbe und seinen Ton. Unsere Schreibkünstler sollten hei den Propheten in die Schule gehen.