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Jüdische Monatshefte · 1919-01-01 · 9/10 (1919) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Monatshefte
Volume
6 (1919)
Issue
9/10 (1919)
Date
1919-01-01
Page
[Seite] (sequence 45)
Language
German
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Über das Schreib«!. 937 der periodischen Litteratur noch übrig gelassene Papier mit Beschlag belegen. Diese Ueberprodnktiou von Schriften ist zweifellos ein Symptom der inneren Unruhe, die die Judenheit erfasst hat. Die judenheit fühlt, dass sie vor einer Wende ihres Schicksal■ steht, dass in ihrem Schosse Neues mit altem ringt, dass eine Zukunft sich vorbereitet, die nur das ihr (ienehmc, für ihren Zweck Brauchbare aus der Vergangenheit entnehmen und festhalten möchte, während die Vergangenheit־ nicht im Trann! daran denkt, sich von einer noch gar nicht übersehbaren Zukunft als etwas Ueberholtes und Gewesenes für immer einsargen zu lassen. Die Judenheit fühlt, dass sie eine Krise durchmacht, und diese Krisenhaftigkeit erzeugt in ihrem Organismus ein ficberisches Hinundherwälzen, erhöhte Temperatur, beschleunigten Pulsschlug und rasendes Kopfweh — und da ein Fieberkranker doch irgend etwas tun muss, um seinen Zustand der Aussenwelt 7.0 verraten, gerät er unwitlkürlich ins Phantasieren, und er spricht so viel krauses und verworrenes Zeug zusammen, dass darob dem 'Zuhörer angst und bange wird. — — Im Gegensatz zur profanen Litterutur, wozu auch die Mehrheit aller das Judentum behandelnden Gegenwartsschriften gezählt werden muss, haben die heiligen Schriften, Bibel und Talmud, einen ruhigen, fieberfreien Stil. Wenn die (lottessprache z. B. den Gedanken ausdrücken will, dass die .\fen8chengesehichte von Gott geleitet wird, dann sagt sic ganz einfach: Gott regiert, Gott hat regiert. Gott wird regieren immer und ewig. Ein moderner jüdischer Schriftsteller würde sich genieren, diesen Gedanken in eine solch primitive Form zu kleiden, und er nähme sich Nathan Birnbaum zum Vorbild, der auf S. 1 seiner Broschüre ״Gottes Volk“ viel umständlicher sagt: ״Mit aller Deutlichkeit drängte sich mir schon in verhältnismässig früher Zeit die Erkenntnis auf, dass sich alle Mcnschheits- und Völkergeschichte, alle Kulturkruft und Kulturleistung um religiöse Geistcsachscn herum ansetzen, kristallisieren, aufhauen.1‘ Der einfachste, klarste jüdische Gedanke von der Herrschaft Gottes in der Menschengcschichte hört sich sofort wie ein " ' rtes ' ' s Axiom an, wenn ein moderner Schriftsteller ihn denkt und mit den üblichen Mitteln der deutschen Kunstsprache ausspricht. Diese Kunstsprache kommt ohne Blendwerk nicht ans. Gottes Siegel aber ist die Wahrheit Was bedarf's der ״religiösen Geistesachsen“, wenn man einfach sagen bann, dass Gott die treibende Kraft alles Geschehens ist! Nun wäre .aber das Schreiben nicht so tragisch zu nehmen, wenn es sich bei solchen Umschreibungen einfacher jüdischer Gedaukeu immer blos um artistische Spielereien handelte. Beider 0114 999996

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