Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 5/6 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Ober <1.18 Pr> digt-n. 1» Kol-Nidre oder selbst nur 'ein andächtig rezitierte* Wochentag», kaddisch. ln unsern Gebeten liest ein Stimmungsirehalt von nie verwelklichem Reiz. Wie ein Sonnenaufgang niemals langweilig wird, auch wenn wir ihn unzählige Male erleben, so wirkt auch ein andächtiges (Sehet wie ein Krlehnis, das immer wieder von neuem unermüdlich Wesenstiefen aufwühlt wie am ersten Tag. Soll ein•• Predigt «1 ie Symphonie des Gottesdienstes nicht wie eine lästige Dissonanz, stören. dann muss auch ihr zumindest ein Hauch jener naturhaften Heiligkeit iunewohnen, die sich in der Hinterlassenscliaft der ״Männer der grossen Versammlung" so ühprwältigern) auspriigt. Hs kommt, um eine wirklich passende, d. h. dem Synagogenmilieu entsprechende Predigt zu halten, gar nicht »0 sehr darauf an. gute und tiefe Gedanken zu halten, als vor allen Dingen darauf, in «ler Seele des Zuhörer» eine Stimmung za erzeugen, die an Weihe und Heiligkeit nur einigermassen an den דודו הקוד׳ש dessen heranreicht, was im Gntteshause gesprochen und geflüstert, geleint und gesungen wird. Die Kanzel des Gottes- Itauses ist kein philosophischer Delirstuhl. Sie steht in der Regel in der N'äln* der heiligen Lade. Solch vornehme Nachbarschaft alter verpflichtet. Man darf in der Synagoge nicht an den genin• loci eines wissenschaftlichen Lesezirkels erinuert werden. Immanuel Kant und Hermann Cohen waren sicherlich geniale Menschen, aber im Gotteshaus Italien sie nichts zu suchen. Wie kann mau sieh alter in der Predigt, wenn sie in deutscher Sprache gehalten wird, von nichtjüdis׳ her Kultur geistig frei halten y Hier liegt die allergrüsstc Schwierigkeit, die es verhindert, dass eint‘ wirklich befriedigende jüdische Predigt zustande kommt. Wenn ein jüdischer Prediger mit salbungsvollen Gebärden und Woiten ä la Schleiermaeher seine, Zuhörer zu erbauen sucht, »o haben wir uns au diese bewusste Nachahmung des protestantischen Kanzelwesens nachgerade so gewöhnt, dass wir es beinahe »1• eine aus der Rolle fallende Kntgleisnug empfiuden, wenn ein Prediger auf der Kanzel sieh 80 giebt, wie es unserer jüdischen Denk nud Kmptindungsweise entspricht. Wir fühlen es, dass ein guter Jargonredner den innersten Gehalt eines Tltorawortes besser wiedergehen kanu, als ein moderner Prediger, der mit den Hilfsmitteln deutscher