Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 7 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Von unserer Jugend. Pessimismus über die Aussichten der Orthodoxie in der Zukunft statistisch zu begründen. Was war der Grund oder besser: was waren die Gründe dieses reissenden Niederganges, dieses nach vielen Tausenden zählenden Abfalls unserer jüdischen Jugend? Wir pflegten jahr* aus jahrein die Tatsache dieser Entfremdung zu beklagen, gaben uns aber selten die Mühe, auch einmal die seelischen Grundlagen dieser betrüblichen Erscheinung mit aller Schärfe nnd Kücksichtslosigkeit zu entschleiern. Bei der Mehrheit unserer Jugend war vor allem ein er• schreckender Mangel an einer wahrhaft lebendigen inneren Beziehung zu Thora und Mizwoth zu gewahren. Dieser Mangel ging auf eine beschämende Unkenntnis der Thora, diese Unkenntnis wie• derum wurzelte keineswegs in bösem Willen oder angeborener Faulheit, sondern in einer Vielseitigkeit der geistigen Interessen, die in einseitigem Bibel- und Talmudstudium kein Genüge fanden. Welch einen wichtigen Platz im geistigen Leben unserer Jugend nahm allein schon die Zeitung ein! Gewiss, nicht alles was in der Zeitung stand, wurde mit Andacht gelesen und zu einem un• verlierbaren geistigen Besitztum erhoben. Man las die Zeitung rasch, mit halber Aufmerksamkeit ihre Spalten überfliegend und nur hier und da. wenn von besonderen Diugen, hochpolitischen 011er hochpiknüten, die Bede war, verweilte der Sinu des Leser• zu beschaulicher Aufnahme des Gelesenen in Geist und Phantasie. War aber diese fast nie unterbrochene Regelmässigkeit der Bear• beitung, der Beeintlussung von Merz und Verstand durch die zu täglicher Leheusgcwohnheit gleich dem Essen und Trinken gewordene Zeitungslektüre nicht eiue erzieherische Grossmacht, gegen welche das Thoralcrnen mit den erzieherischen Einflüssen, die man sich von ihm erwartete, nur sehr schwer ankämpfen konnte? Wie kam cs denn, dass in den Unterhaltungen, die zumeist in den Salons auch orthodoxer Kreise an Sahhuthcn und Festtagen gepflogen wurden, von allem möglichen geredet und geschwatzt ward, von der politischen Lage, vom neuesten Mordprozess oder Theater• stück, doch niemals fast über ein Thema aus der hihliscb-talmudiseben Literatur V Das hatte keineswegs Idos seinen Grund in