Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 2 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4900572-5964855-5964892--0539-4901089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
60 Die deutsche Orthodoxie im Jahre des Weltkrieges. Von I)r. Isaac Breuer. Mit der volleu Wucht einer ungeheuren Katastrophe ist der Weltkrieg mitten im Sommer unseres Vergnügen« über una gekommen. Aber der Schnelligkeit dea Ausbruchs entspricht nicht der Kythmus des Fortgangs. Mond auf Mond hat gewechselt, und noch ist da« Ende nicht abzusehen. Unsere Seele, anfangs betäubt ' und erstarrt, dann voll gespanntester Augenhlickserwartung, hat sich allmählich anf die uiaasloae Grösse des täglichen Erlebens einzustellen gelernt: wunderbare Kraft der menschlichen Seele, die dem Kleinsten wie dem Gewaltigsten restlos Kaum zu gewähren versteht. Ohne Zweifel: Wir, die verwöhnten Kinder eines Zeitalters voll verfeinertesten Lebensgenusses, deren überzarte Nerven kaum dem Anprall einer verregneten Sommerfrische gewachsen schienen, wir beginnen! 1bns langsam an neue Daseinsformen zu gewöhnen, deren eiserne'Härte von keinem Abschnitt der vergangenen Menschheitsgeschichte übertroffen wird. Wir alle sind nicht mehr, die wir gestern waren. Allzumal sind wir Söhne des Weltkrieges geworden. Was aber für jeden einzelnen gilt, findet auch auf die Verbandspersönlichkeiten gebührende Anwendung. Politische Parteien, wie religiöse Gemeinschaften hat der Weltkrieg nicht nur vor neuartige Aufgaben gestellt, sondern hat auch ihr«‘ seelische Verfassung eiuer entscheidenden Umwandlung unterzogen. Unter solchen Umständen mag es sich lohnen, einiges über die Beziehungen der deutschen Orthodoxie zum Weltkrieg zu sagen. Ich habe es stets beklagt, dass wir so unendlich wenig davon wissen, auf welche Weise unsere Vorfahren die erschütternden Ereignisse ihrer Zeit seelisch übenlauert haben. Unsere Nachfahren solleu es besser haben. — Eines tritt sofort mit grosser Deutlichkeit vor unser Auge: Die üblichen Betätigungsfonneu, die man innerhalb der deutschen Orthodoxie sonst wahr/.unehmen gewohnt war, haben durch den Krieg eine plötzliche Stockung erfahren. Man braucht nur auf den mehr nnd mehr zusammeusebrumpfenden Umfang der Organe