Die jüdische Frau
- Journal
- Die jüdische Frau
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9/10 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie dat erste. tüflc Kind Einer Kinderlosen: Wk dem Uns (ieUnjcncn I Hilf der roten Hoven! Vielleicht war der blonde Hritzko verliebt. Denn er sang das schone, zarte Volkslied wirklich so. dati :s fast zauberhaft über die mondhelle Haide klang. Audi auf Moschko übte es seine Wirkung, Lr blieb stehen und lauschte. „Dummes Zeug!" brummte er dann grimmig. „Schon wieder etwas von (fieser Liebe' Wenn ich nur erfahren könnte, was das eigentlich ist!" Vielleicht war er Kar nicht so weit mehr von dieser Lrkcnntnis. Denn es war eine pure List \on ihm. eine List gegen sich selbst, wenn er nun vor sich hinmurmelte: „Ich will mich ein wenig /u den Durschcn setzen, weil die Nacht so schön ist." In Wahrheit zog s ihn nur zum braunen Lysko, weil er mit dem über ein gewisses rotbackiges, boshaftes und doch gar nicht übles Ding sprechen konnte. ..(iuten Abend. Dorsche." sprach er und trat in den Kreis. ..Hoi! der .lud, der Schund!" riefen die Hirten und begannen dann wie aus einem Munde zu singen: »ilKt Schweinefleisch. Jud! Jud'! ' handele dem Teufel die Seelen ah? ,v _Jud’ Jud'f----' I las ist das allgemein gebräuchliche Spottlied, mit welchem die Ruthene» ihre kaftanbekleideten Mitbürger begrüßen. Moschko licli sie ruhig zu Lnde singen, was einige Zeit wahrte, obwohl das Lied nur eben diese zwei schonen \erse hat; aber sie können nach Belieben wiederholt werden. Als die Jungen sich satt gesungen, sagte er ruhig: „Schweinefleisch habt Ihr selber nicht. Ihr verhungerten Lumpenkerle, und was Lure Seelen betrifft, so handle ich sie dem I eufel nicht ah. weil sie keinen Knopf wert sind! Jetzt aber ruckt zusammen!" Das taten sie. und nachdem sich Moschko neben den Hirten des Jacek gesetzt, begann er. indes die Anderen weiter johlten und pfiffen, seine diplomatischen b ragen. Aber der schlaue l.vsko sagte nichts, oder gab verdrehte Antworten. „\Sarum Inst Du mit dem Korb Ihuausgekommen?“ „Weil der Korb nicht selber gehen kann!“ „Und wie kamen vier Lier in den Korb" „Weil man so viele hiucingelegt hat!" Lrst als ihm Moschko als Preis für einen wahrheitsgetreuen De rieht ein Hufeisen versprochen halte, erzählte der Knabe: „Also, wie ich heiinkomme, den kranken Ochsen zu pflegen, da sagt mir die Kasia. die just atemlos gelaufen kommt: „Du muht einen (laug für mich tliun." — Out." sag ich. „für flieh thu ich alles." l ud da seh' ich. wie sie zwei Lier aus einem grollen Korbe nimmt und zwei aus einem Körbchen und sie dann siedet. Da trag ich: „Warum nimmst Du nicht alle aus dem grollen Korb?" Und darauf sagt sic: „Weil die im Korb dem Dauer gehören und er hat nur zwei Lier zu geben. Im Körbchen liegen jene, welche mir meine eigene Henne gelegt hat. Und ich gebe zwei Muck \oii den mehligen; ich thu es nicht gern und ich thu es doch gern." - „Das \ erstell ich nicht1" sag ich. — ,. Das ist auch nicht notig." sagt sie, und tiiut die Lier und Drot und Salz in ein Körbchen und schickt mich zu Dir. „Und wenn er flieh fragt, wer flieh geschickt hat. so mulit Ihi sagen: Ihe alte Magd!" Aber Du hast geschnarcht und so half ich nicht zu lugen gebraucht. Das ist Alles, lud wann kann ich mir das Hufeisen abholen?" „Morgen.“ sagte Moschko. „Und hm! was hat sie für eine Miene dabei gemacht?“ „Höre, Jud," sagte der Knabe, „Du fragst komisch. Du und die Kasia — o Du Hallunke!" Moschko war feuerrot geworden, aber er wußte sich zu helfen. „Du Galgenstrick," rief er. „Du Lump, was willst Du da ehrlichen Leuten nachsagen? Nicht so viel geht mich die Kasia an, nicht so viel wie der Schnee vor zwanzig Jahren!“ „Mich geht sie mehr an,“ sagte der blonde Hritzko Stefiuk seufzend. „Ndmlich. weil sie nichts von ihm wissen will!“ flüsterte Lysko seinem Nachbar zu, „obwohl er hinter ihr her ist, wie der Mönch hinter der Nonne!" „Sie hat wohl einen anderen Geliebten,“ fragte Moschko. „Wahrscheinlich! Aber bestimmt weiß es Niemand. Sie ist ein braves Ding, das muß man ihr lassen.“ „Schlecht ist sie“ sagte Moschko, „ganz schlecht, ich weiß es. Obwohl sie gewiß nicht liederlich ist," setzte er hinzu. „Gute Nacht. Ihr Bursche!“ „Gute Nacht!“ erwiderten sie freundlich, begannen aber doch wieder, nicht aus Bosheit, sondern nur aus purer Gewohnheit: -„Schweinefleisch, willst Schweinefleisch. Jud’! lud'!" Lange hallte es ihm noch nach. Aber Moschko achtete nicht darauf. In tiefen Gedanken ging er dahin oder blieb stehen und hielt sonderbare Monologe, in welchen er sich selbst mit den auserwähltesten Schimpfwörtern regulierte. „Du Narr, Du Hund, was geht Dich die Christin an?“ Aber die beiden Lier gingen ihm doch nicht aus dem Kopfe. „Von ihrem bischen Armut hat sie mich beschenkt. Und keinen Geliebten hat sie! Morgen muß ich mit dem Marschallik reden. Natürlich nicht wegen der Christin — was geht mich die Christin an?“ Voll wirrer, streitender Gedanken kam er heim und konnte lange keine Ruhe finden. — Am nächst«! Morgen suchte er den Marschallik nicht auf. „Ls wäre zwar gut,“ verteidigt er sich in Gedanken selbst, „aber cs ist a nicht so dringlich." Wohl aber sollte an diesem Tage etwas anderes geschehen, was weder dringlich noch gut war. Lr war nicht mehr nach Korowla gegangen, zur neuen Hütte des Jacek Hlina. Nun konnte einer dort die Arbeit richten und er überließ sie dem Hawrillo, den es mächtig hinzog, der Schwester und der Würste wegen. Lr selbst blieb in der Schmiede und arbeitete neben dem Meister. Der alte Wassilj war heute ungewöhnlich erregt. Sein Antlitz war minder düster als sonst, und zuweilen flüsterte er etwas vor sich hin. Ls fiel dem Moschko auf. aber er wagte es nicht, darnach zu fragen. Was der Meister mitteilen wollte, das sagte er ungefragt. So auch heute. „Du. Moschko.“ begann der Greis, „ich habe.Nachts einen Traum gehabt, so gerade um Mitternacht, wo die Träume am meisten bedeuten. Lin schöner Traum war s. ich freue mich darüber und auch Du wirst Dich freuen, wenn Du es hörst." „Gewiß. Meister!" „Nun, so höre. I >a liege ich gestern auf meinem Lager und mein Herz ist dunkel; ich wälze mich hin und her und kann nicht ein schlafen. Ich denke nach über die vergangene Zeit, und wie ich einst jung w ar. und tausend Dolche gehen mir durch die Brust. Und wieder flehe ich zu Gott, wie schon so oft: ..Herr, den sic den Allgerechten nennen, gib mir meine Rache, oder laß' mich sterben.“ (FortMtttmf Mft j 14 Jtfdfacfce Fraaea. werbt fflr «Die jüdische Praa~I