Die jüdische Frau
- Journal
- Die jüdische Frau
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11 (7.10.1925)
- Date
- 1925-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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die KABBAL1§W - V'in J. L. P c r e z“ In schlechten Zeiten lallt seihst die Tliorali. un ser höchstes (int. im Werte. \ N’on dem croüen I ahnndlehrhuns zu Laschzew itsclt waren nur noch der Rabbi \tbric nebliehen. Reb Jekek und sein einziger .lum;er.\ her Rabbi w ar ein alter, hagerer Mann, mit langem. wirrem hart, die Aucen Kreis und erlnscluMiy, Leinech. sein Lieblhicsschüler wjr eitrAchlanker. dürrer, blasser Jünclimr mit dunklen Schlafenlockchen. fuiikehideirscrrwarzen Alicen, die tief im Kopfe laceti. trocknen, wie verbrannten Lippen. An seinem haceren Halse lucte durch die durehsichtice Haut der spitze Adamsapfel hervor. Die freie Brust der beiden Männer deckte kein Hemd. Nur Lumpen hüllten die verdorrten Leiber.---—- her Rabbi mühte sich in einem haar schwerer Dauernstietel: dem Jüucer aber fielen von den nackien hülfe» die hau totfei herab. — Das war also von dem berühmten Lehrhaus ceblieben! . . . Das Städtchen war verarmt. Die Treitische wurden immer seltener und seltener; und seltener sandte man Lssen in das Lehrhaus. Da verliefen sich die Talmudschüler in andere Städtchen. Doch Rabbi .iekel wollte hier sterben, und sein Jüucer wollte bei ihm ausharren, bis dali er die Totendienste ihm leisten und ihm die Scherben auf die erloschenen Alicen lecen könnte. Wie oft hallen die beiden llimcer celittei]! Wer wenic idt, mac auch wetiic .schlafen. und w er wenic ibt und wenic schläft, den dräuet es in die Zauberkreise der Kabbalah. So natürlich! Wer des Nachts wacht und die camten-Lace^bunceim tmtth-wtlrdamrscin Leid adeln. Das Darben wird zum heilicendeu hasten und zur Kasfeiimc. dali sich die Pforte» der Welten mit all ihren (ieheimnissen offnen, mit ihren Deister» und ihren Liiccln. Und lar.ee schon studierten sie die Kabbalah! Nun sitzen sie am lancen I iseh im Lehrhaus canz allein. Hei dien andern Leuten im Städtchen bt lauest eile Mittacsslundc vorbei. Sie haben noc!' nichts cecessen. W ie immer. Der Rabbi lehrte und sein Auce sah starr v er zückt in die Weite. Und der Juneer lauschte seinen Worten, das Haupt auf beide Hände cestutzt. Viele Stufen sacte der Rabbi — sind zu unterscheiden: vier Line kennt ein Stückchen, der andere die Hälfte und vvcnice die canze Weise. Der hohe Rabbi kannte die canze Weise und die canze Ikcleitunc! Ich — sacte er trauric war nicht becüadet. auch mir so ein Stückchen zu besitzen < und dabei malt er ein w inzices Stückchen seines dürren binevrs ab). Und dann fuhr er fort; Ls cibt Memdieu. die des Wortes bediirten. das sind die niedricsten . . . I.s cibt Melodien höherer Artunc. I ieder ohne W orte voll Adel und innerer W eihe. Doch auch dieser Sanc braucht eine Stimme und Lippen, durch die die Stimme sich ercielit. Und Lippen - beereilst du - sind doch etwas körperliches und die Stimme, die wohl eine edle Körperlichkeit hat. ist doch eben noch Körperliches, (lewill. die Stimme steht am der (irenze zwischen Oeisticem und körperlichem. Wie immer: Die W eise, dil* einer Stimme bedarf die an Lippen cebimdeu ist. ist noch nicht canz. lauter. Noch nicht canz Seele und Deist! Aber die echte Melodie braucht die Stimme indit Sie kirnet tief in unserem Herzen, m unserem tteisieo Innern. I nd das ist das (ieheimms ui den Wottea konic Davids, der da sprach: Im .Marke unserer Knochen inulf es sinceit. Ja. dort muH der baue he- , Cen. im .Marke unserer Knochen muU die Melodie /■ 'Wonnen: Das ist nicht mehr der Stuubcebureiicn/ Sanc und nicht muh^vhc -erdachte Melodie. DaVisi schon ein I eil jenes ^hoptersaii^vüw—dciii Dott die Welt ceschaiien; eiifhethTuier Weltenseele, die tiott in das Weltall hiiieincecossen. So sinec» die laicelchore in den Hinmielssphareii. so hat ..der lud . der erste U'hassid cesiincen. des \ncedenken uns . um Seceu sei.___ . Da IttuBTe de? Rabbi seine dunkelsmiiice Rede unterbrechen, i.i'i zerlumpter Juncu'ic mit einem Strick um die Lenden ein I racer war ins Lehrhaus cekomme» und hatte eine Schussel tirutze u d ein Stückchen Brot auf den Tisch neben den Rabbi cestellt. lud er sprach mit roher Stimme: Reh levtl schickt dem Rablu das l.sseii. I nd dann wandte er sich zum (ielien und rief noch von der Iure zurück: Nachher werde ich die Schussel ablu len Die harte Stimme des I ravers batte den Rablu aiiicerüttelt: und aus den stillen Hohen cottliclier Harmonien herabcczcrrl. Langsam und schwer reckte er siv.li empor, wie aus schwerem I raume, und eine >» seinen c’rollcn Stiefeln mit schlurfenden Schritten zum Wasserbecken, sj.h waschen". Noch im liehen spann er seine Red. tort. vhv.li ieise nur Klimmte dann das he.uee I euer. Aber der Juneer lauschte eespanm seinen W orten. und dunkle (ihn lohte ans «a iin-in Arup- und »...I.-— ■:er I raum._______ Indes fuhr Reh Iekel irit iraurieer stimme lort: Mir ward leider die (iuade nicht, die letzte Stufe /u erklimmen. Ich habe die IMorte der heilieen Melodie nicht nelundeii. I nd der Rabbi lächelte und sacte. Sieh nur. die k.isteianeen und die liebele, die el.ilim liiliren können. keime ich! Ich will sie dich lehren! \\ ohl noch heute ... Dem Juneer vpiokcn schier die Alicen aus den Hohlen. Mit weit ceottuetem Munde lauschte er jenen Worten, als wollte er 'ie verschhiiKcn. i och der Rabbi wurde still, t i wusch 'iJi. I'ocknetv die Ilaude, sacte das vorcesdiriebene < ieliet. Daun kehrte er zum lisch zuriiek und sprach mit behenden I ippen den Seceusspruch über eia Stückchen Brot, das er daun mit Salz bcsticute und in seinen zahnlosen Mund schob . . . Mit seinen zitternden, dürren Ilaude» erhob e.i eile Schussel, und der aufsteicende warme Dampf um allte* se in knochiges tie'iclil. I ann stellte e r e!>v Schussei zurück, nahm den Lotte! in die iechte llami iineJ wärmte die linke an der Schussel, indessen v mit den zahnlosen Kielern den Rest des Brotes Kam» Nun drückte er die warm gewordene ll.uivl au elas viesicht. zoe die Stirn in krause I alter, spitzte die Lippen und hee-mu i»> die d. aiplende Speise hinein zublasen. Der Schüler war jeder Bc wce»ne seines Meisters eefolet. Aber als des Rabbi dünne l.lppc» vlein ersten Lotfel tirut/e cntc'e'cenbehteu. packte ein r icen (iclulil des Juncers Merz, und er vcrernb sein (iesicm in beide Bande. J