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Die jüdische Frau · 1925-08-22 · 8 (22.8.1925) · p. [Seite]

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Journal
Die jüdische Frau
Volume
1 (1925)
Issue
8 (22.8.1925)
Date
1925-08-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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..Besser zwei als eins“, sauten sie zu einander unter zärtlichen Küssen. ..lis ist nicht gut. von so kostbarem und zerbrechlichem Ge rät nur ein einziges l:\emplar zu haben." Sie dachten dabei an die Krankheit, die der Knabe durchgemacht hatte: so leicht der l all war. hatte ihnen eine namenlose Angst eingeflößt. ..(iebe (iott dem Ankömmling (iltick und langes Leben!" schlossen sie gerührt und befriedigt das intime Gespräch. Ls war diesmal ein Mädchen, dem Mira das Leben schenkte. Alle sagten, daß das Kleine eine Schönheit zu werden versprach. ..Nicht umsonst war Schwangerschaft imd Geburt so schwer", versicherten die erfahrenen Gevatterinnen, her Arzt aber ermahnte den Gatten dringend, eine Amme zu nehmen, denn die junge Mutter durfte um keinen Breis das Kind selber stillen. Die Amme kostete Mühe und Geld in Lulle. Der Arzt versicherte nämlich, daü von der Beschaffenheit der Amme das Gedeihen des Kindes abhänge. Im Verlaufe von drei Monaten muhte die Amme dreimal gewechselt werden, was dem Kinde natürlich nicht zum Vorteil gereichte. Line hatte sogar dreißig Rubel im Voraus gefordert und erhalten, mußte aber entlassen werden, da der Arzt dies unbedingt forderte. Aehnlich erging es ihnen mit der anderen: darum ertrugen sie alle Launen und Unarten der dritten; die endlich vom Arzt für tadellos erklärt worden war. Diese wußte ihren Wert zu schützen und stellte große Anforderungen. Jonas in eigener Person mußte sie bedienen. Oft stand er in der Nacht auf. um ihr die warme Milch zu reichen, und entschuldigte sich demütig, wenn ihr das (jetränk nicht sonderlich mundete. Sie verlangte die besten Speisen. Oftmals mußte man ihr Wein zu trinken geben. Als sie vor drei Jahren das Kind der reichen Lrau Gurewitsch stillte, kam ja kein Tropfen Wasser in ihren Mund, sie trank nichts anderes, als Milch. Wein und Bier. Man durfte ihr nichts abschlagen. Sonst drohte sie mit dem Weggang. Sollte man anfangen, eine neue zu suchen? . . . Um das Uebel voll zu machen, wurde Mira ernstlich krank. Die Krankheit versetzte den Gatten in die größte Besorgnis, überdies riß sie ein großes Loch in das Kapitälchen, das auf der Bank lag. ln diesen bösen Zeiten gedachten Mira und Jonas ihres einmal gefaßten Lut Schlusses und nahmen sich fest vor. ihn auszuführen. Wenn das Kind entwöhnt und die Amme aus dem Hause ist. dann würde es auch möglich sein, etwas zu ersparen. Vorläufig konnte davon natürlich nicht die Rede sein. Das zweite Kind brachte eine bedeutende Veränderung in ihre ganze Lebenshaltung, hie peinliche Sauberkeit der kleinen Wohnung verflüchtigte sich immer mehr, hie hübsche Biichersammlimg. die Jonas sich noch als Junggeselle angelegt hatte, der Stolz und der Schmuck seiner Häuslichkeit, geriet in \ erfüll, hie Glastüre des Schrankes w ar zerbrochen. die Bücher lagen unordentlich herum, die Linbüude waren befleckt und zerrissen. Das Nette und Spiegelnde der ganzen Umgebung, das früher die Freude des Mannes ausmachte, verschwand. Oft. weiln Jonas vom Bureau nach Hause kam. fand er das Zimmer noch nicht aufgeräumt und ausgefegt, der Besen lag mitten auf der Diele und es dauerte noch eine Stunde, bis das Lssen fertig war. Dann ließ das Tischtuch au Sauberkeit zu wünschen übrig, das Lssen war verbrannt. Die Lrau war nie ordentlich gekleidet, vernachlässigte auch sonst ihr \eu Iteres nur zu häufig. Auch seine eigene Person er _ schien immer mehr verwahrlost, hie Bürste suchte seine Kleidung fast nur einmal in der Woche heim, am Freitag vor Abend, wenn der Sabbath her.inn.dite. Manchmal konnte ein aufmerksamer Beobachter so gar ein Federe he» in seinen Haaren linden. Map durfte ilmr das nicht übel nehmen Fr hatte gar Keine Zeit, aut seinen äußeret' Mensche» Sorgt.,Ii zu verwenden. In letzter Zeit nahm er sich reichliche Arbeit nach Hause, tun weitere zehn Rubel nn Monat zu verdienen. Jede Stunde war besetzt Linmal machte Jonas Glasinaiiii seiner Iran einen \orwurf wegen der Unordnung, die in der Wohnung herrschte, darüber daß das l ssen me zur Zeit fertig war und er dadurch verspätet ins Kontor kam. Bald aber bedachte er. daß sie leidend war. die Launen der Amme auszustehen und die Kinder zu betreuen hatte, und es gereute ihn. seiner Frau eine bittere Stunde bereitet zu haben. Lr bat sie herzlich und demütig um Verzeihung. ..Ich grolle dir gar nicht", antwortete Mira ..So? W irklich? Dann mußt du auf der Stelle lächeln." ..Wenn du mich anschreist, bin ich nicht böse, nur das Herz tut mir weil." „Siehst du, du zürnst mir doch. Wenn ich die Unwahrheit spreche, so straf' mich Lugen, indem du auf der Stelle lachst." „Ich kann nicht auf Kommando lachen." „Nun, ich befehle, daß du lachst", drängte Jonas, und die Frau fängt an. über sein Ungestüm zu laJien. wofür sie mit einer Batterie glühender Kusse belohnt wird. Als das zweite 1 ocliterchen ankam. war der Gatte unangenehm überrascht. Aber der Anblick des Kindes stimmte ihn weich und gleich empfand er eine grenzenlose Wonne. „Mira, sieh doch mal her. betrachte nur dieses Gesichtcheu ganz geu^u. Siehst du diese kleine ge meißelte Nase? Ganz die deinige. Ucberhaupt sieht das Kind aus. wie dir aus dem Gesicht geschnitten “ Die glückliche Mutter blickte auf und betrachtete den Mann mit Augen voller Dank und Freude. Jetzt kam die Ammenfrage abermals aufs lapet Die Ausgaben steigerten sich, im Mause wuchs die Unordnung, das Lhepaar hatte keine Minute Ruhe. Der .Gatte gewohnte sich allmählich, an dem Joch der häuslichen Arbeit mitzuzieheii. Jeden Morgen war er es. der die Kinder wusch und anzog und ihnen das Frühstück reichte. Wenn eines in der Nacht erwachte und zu schreien anfing, beeilte er sjji. es einzuschlaferu. damit die vielgeplagte Mutter nicht gestört wurde „Jetzt aber ist es genug" . . . beschloß das Fhepaar. „Drei Kinder, das ist nicht zu viel hie Amme werden wir bald loswerden, die Kinder werden großer, dann nimmt der Haushalt wieder geregelte Formen an. Aeltere Kinder machen viel weniger Scherereien, als dieses Kleinzeug I he Ausgaben sind geringer. Man braucht nicht um jede Kopeke zu bangen." „Was bist du heute so geistesabwesend, lo'n.ts?" fragte ihn sein Nachbar im Bureau, als er sich au den Schreibtisch gesetzt hatte. „Me? Wie? . . . Nichts . . . nichts . . . ich bin mir sehr müde", erwiderte der Angeredete 3

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