Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 21.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Gentschi». Der Jude Goldring ist wirklich Bürgermeister. Ursprünglich Magistratsmitglied wurde er erst stellvertretender und dann definitiver Bürgerj meister. Niemand trat der Wahl oder Bestätigung entgegen, als der katholische und evangelische Priester, welche beide, hier im Bunde, einen Protest dagegen einreichten. Durch die Bemühungen des Landraths Gregorowius wurden indeß die Anstrengungen der Gegner vereitelt. Bei der Einführung sprach sich der Landrath sehr belobend über den Charakter und die Verdienste der Gewählten aus. Die Stimmung oller Ortsbewohner ist gegen die Geistlichkeit. (Hamaggid.) London. Der neu ernannte Solicitor-General ' (StaatSprocurator) Londons Georg Jessel ist Jude. 1827 in Nymwegen (Holland) geboren, zeichnete er sich als Schüler durch Scharfsinn, besonders in der Mathematik au»; studirteJurisprudenz, ging nach England, wurde Richter (1847), Senator der Universität London (1856) und vor 3 Jahren Vertreter Dovers im Parlament. Mit seinem jetzigen Amte ist dem UsuS nach die Ernennung zum Baronet verbunden. (Jew. Ehr.) Bucharest. Endlich, wie es scheint, neigt sich die politisch-religiöse Stimmung Rumäniens den Juden gegenüber zum Bessern. Der Justizniinister Costaforu hat erklärt, Israeliten zum Schiedsrichtcramt zulassen zu wollen. Er nennt dies ein natürliches' Menschenrecht, welches er den Juden weder in Rücksicht auf ihre Religion noch ihre Nationalität nchmen oder schmälern dürfe. ' (N. Fr. Pr.) F t U l II t 1 ff n. Luftschlösser. Alte Geschichten von I. (Schluß.^ Als Lehfeld in die Hauptstadt eintrat, begab er sich zuerst zu dem Rabbiner, der der freisinnigen Rich-! tung angehörte und Geltung bei den Behörden haben sollte. ' „Ich kann Ihnen leider nicht helfen, denn ich bin in solchen Sachen durchaus nicht der Vertrauensmann der Behörde; aber wenden Sie sich einmal an den Oberlehrer S., der vermag Etwas bei der Regierung und — wenn ich nicht irre, ist hier, eine Stelle offen, vielleicht gelingt es Ihnen, hierher zu kommen." Er ging zu dem Oberlehrer, zwei, dreimal, bis er ihn traf. „Ein Lehrer vom Lande"; sprach dieser, „Ihr seid stets zu anmaßend, wollt Alle» besser wissen. Verhaltet Euch ruhig, wie wir thun; Thut nur, was Euch anbefohlen wird; dann kommt Ihr durch. Eine Stelle hier? Allerdings; aber ich suche einen studirten Lehrer, der Routine hat, in der Stadt lebte, mit Doktortitel! Gehalt 800 Gulden. Wissen Sie vielleicht ein solches Subjekt?" Mißmuthig über diesen Empfang —„ der „College" hat ihn nicht einmal sitzen geheißen, — ging er von dannen. Als er die dugkle Treppe Hinabstieg und in den erleuchteten Hausgang eintral, sah er ein Mädchen mit schwerbeladenem Korbe eintreten. Er ging vor demselben, in seine Gedanken vertieft, fast vorüber. Als er ihr gegenüber stand, blickte er - auf. „Veilchen!" „Herr Lehfeld!" Sie standen sich lange sprachlos einander gegenüber. Endlich raffte sich Lehfeld aus seinem anfänglichen Erstaunen auf. „Sie hier, und ich habe Sie lange vermißt. Erstaunen Sie nicht und zürnen Sie mir nicht; ich habe Sie vermißt, nicht nur um meinet-, — sondern auch um Ihretwillen. Ta» Eckschränkchen, von dem Ihr Vater in seinen letzten Stunden so oft sprach, ist gefunden. Am Chanukkaabend" — Lehfeld crröthete leicht, als er an jene Stunden dachte, die ihm nach seiner Ansicht so viel Leid verursachten, „fand ich cs — im Hause Bierfranz', Sie wissen, wo sich Ihr Vater oft aufhielt. ES ist Ihre Pflicht, zur Ehrenrettung Ihres Vaters und um Ihrer eigenen Zukunft willen die Sache zu untersuchen." „Ich kann nicht; ich will nicht zurück in meine Heimath. Ich will hier bleiben, wo ich Ruhe gefunden habe," erwiderte Veilchen. „Ruhe, und Sie arbeiten für diese Leute, die Sie nicht verstehen uud nicht würdigen können, die in ihrem anmaßenden Stolze das einfache arme Landmädchcn als eine willkommene Maschine betrachten deren Brauchbarkeit sie ausnutzen?" Er ergriff Veilchens Hand. ^Sie sehen traurig und blaß aus. Vertrauen Sie mir. Auch' ich bin das Leben in Dernheim müde. Ich kann meinen Geist nicht mehr bequemen in dies Joch, das alle Kräfte hemmt; ich m