Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 20. · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 20.
Date
1871-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433901--3780-4899979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

154 Sie fordern bloß die äußerliche Uebung; die .Hcrzensandacht" ist ihnen Nebensache. Uns ist jeder bloß äußerliche Dienst, ein Greuel. Wir wollen nur, was unser Herz erhebt, läutert, zu Gott führt: Innerlichkeit. Sie wollen unsere Kinder erziehen und. bilden durch Einführung in ein Schristthum, das nur wissenschaftlichen, geschichtlichen Werth hat, nur die historische Entwicklung des Judenthums darstellt und darum auch die verschiedensten Ansichten vieler würdiger Lehrer aus mehreren Jahrhunderten friedlich nebeneinander stellt, obgleich sie sich widersprechen. Wir wollen unsere Kinder erheben durch die Elemente der Erziehung, die der ganzm cultivirtcn Menschheit in der Gegenwart angchören, und da sie den Geist bilden und unser Herz erheben, Religion find. („Den Geist bilden, ist Religion." Bettina.) Sie nennen den Unterricht im Hebräischen, in Mischna, Talmud, Schulchan-Aruch an und für sich Religionsunterricht. Uns ist Religionsunterricht die Blüthe alles Unterrichts, die Belehrung in der Erkenntniß Gottes, der jüdischen Geschichte und der Ermöglichung einer andachtsvollen Theilnahme am öffentlichen Gottesdienst. Sie fördern den Rückschritt, jeder Fortschritt ist ihnen schon an und für sich ein Greuel. Sie wissen nichts von einer Fortbildung des geistigen Lebens, der Religion. Wir erkennen im Streben das Wesen aller wahren Cultur und in der Fortbildung des religiösen Lebens das Gepräge ihrer Göttlichkeit. Rur Streben ist Leben. Sie wollen uns durch tausenderlei Formen und Gesetze, welche für eine andere Zeit geschaffen waren und sich überlebt haben, trennen und absondern von den Brüdern, die anderm Glaubens sind, von unfern Mitbürgern; sie wollen, wenn sie auch „von Freihett her Suite" und dergl. mehr sprechen, es doch chatsächlich unmöglich machen, daß unsere Kinder echte Bürger teS Staates werden und ihm jederzeit und in jäer Weise, gleich den übrigen Bewohnem desselben, dienen können. J Wir wollen die Scheidewände wegräumen, erkennen im Staate eine sittliche Lebensgemeinschaft; „dieGesetze deSStaates sind auchunsere Gesetze," welchen wir uns zum Besten des Ganzen mit Freudigkett fügen. Wir wollen zuerst Menschen, dann Bürger und zugleich Juden sein, weil Eines da» Andere nicht aufhebt, sondern im Gegentheil mtt inbegriffen ist, fördert und stützt. Sie predigen die Liebe und haben den Haß im Herzen gegen Alle, die sich ihnen nicht blindlings fügen. Sie suchen die Einheit des Judenthums zu untergraben, speculiren — wehe, daß wir das sagen müssen — auf Spaltung und Trennung, suchen überall Sondergemeinschaften zu gründen, bei welchen Machinationen ein großer Theil der Führer nur eigennützige und jedenfalls verwerfliche Absichtm im Schilde führt. Wir erachten die Erhaltung der Einheit de» Judenthums als eine heilige Pflicht, der wir die größten Opfer zu bringen bereit find. Wir suchen alle unsere Brüder zu erleuchten, aufzuklären, die wahrhaft religiösen Grundlagen unserer Ucberzcugung und Bestrebungen zu dokumentiren. Sie nennen sich die „Gcsetzestreuen." Wir können uns mit größerem Rechte die „Gesinnungs- und UcberzeugungStrcncn" nennen. Ihnen ist die Religion bloß „Gesetz." Uns ist sie das Leben, das ganze sittliche Leben, die geistige Erkenntniß, die Verehrung im Herzen und die sittliche That. Sie beten, was vormals gebetet worden, die alten Worte; obwohl diese Worte in dem Munde der Meisten unwahr und widersinnig sind. Wir suchen im,Gebete nur den Ausdruck unserer relgiösen Gefühle und Ucberzeugungen kund zu thun und wollen unsere Herzen auf unfern Händen zu unserm Vater im Himmel erheben. Sie erkennen nur das hebräische Gebet als ein solches an. Wir beten „in jeder Sprache, welche wir verstehen": Das hebräische Gebet hat zur Erhaltung der Einheit im Gotteshause seinen unbedingten Werth; allein auch die Muttersprache erwärmt da» Herz und führt zu Gott; sie hat daher ihre unleugbare Berufung als Gebetsprache. Mit dieser erfüllen wir die Pflicht des Gebets, mit jenem verrichten wir da« Pflichtgebet. Sie handhaben die Verleuntdung, den Haß, dm Bannstrahl, das Anathema als ihre Waffen und erklären sich als unfehlbar. Wir erkennen die Gewissensfreiheit als unverletzliches und angebormes Menschenrecht an, da» in der Religion de» JudmthumS überzmgendm Ausdruck gefundm hat. Wir könntm die Gegmsätze noch lange fortsetzm. Wir wollten cm ihnm nur dokumentiren, wa» wir anstreben, was wir fördem wollm. Wollm die fortschrittlich gefinntm Männer in Israel, daß der Ausdruck dieser Anschauungen und Ueberzmgungm durch die Presse in» Volk getragm werde, so mögm sie unser Unternehmm thunlichst fördem und unterstützm. Nicht die Rabbinm und Lehrer allein, sondem die Männer au» dem Volle müssen da» Werk tragm, wmn ei gedeihen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.