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Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 17. · p. Seite 130

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 17.
Date
1871-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Die Zeitungen berichten aus Berlin: Bayern hat dem BundcSrath folgenden Gesetzentwurf gegen den Mißbrauch der Kanzel in Vorschlag gzbracht: „Einziger Artikel: Hinter $. 167 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich wird folgender neue 8- 167 a eingestellt: Ein Geistlicher oder anderer Rcligionsdicner, welcher in Ausübung oder in Veranlassung der Ausübung seines Berufes öffentlich vor einer Menschenmenge oder welcher in einer Kirche oder an einem anderen zu religiösen Versammlungen bestimntten Orte vor Mehreren Angelegenheiten des Staates in einer Weise, welche den öffentlichen Frieden zu stören geeignet scheint, zum , Gegenstand einer Verkündigung oder einer Erörterung macht, wird mit Gefängniß bis zu zwei Jahren; bestraft." ES verlautet, daß der Antrag im Bun-! deSrathe, wenigstens in dessen Justizausschuß, auf ' deinen Widerspruch stoßen wird. — Wir wissen, I wohin dieser „einzige Artikel" zielt; wir verkennen j nicht seine Wichtigkeit und freuen uns desselben.; Denn: hatte nicht daS Judcnthum und die Juden-! heit von jeher und bis auf die neueste Zeit durch solche; Aufreizungen von der Kanzel herab Unendliches zu! erdulden? Heute beschäftigen sich die Kanzeln wohl j mit anderen, für sic wichtigeren politischen Fragen. Näher liegende 9köthen bedrücken die Prediger. Aber sicher ist: wenn von dorther Steine geworfen werden, so wird immer doch auch ein guter Tbeil die Köpfe der Juden treffen. Man wird die Juden nennen und die Minister meinen; man wird auf die Minister zielen und, da man sich vielleicht oft doch so gradcaus scheut, die Juden zur Zielscheibe nehmen. Alles schon dagewesen! Doch beunruhigst uns das nicht mehr so sehr. Freuen wir uns, daß wir als Juden keine Veranlassung haben , unsere Kanzeln zu politischen Rcdncrstühlen, unsere Synagoge zur Arena staatlicher Kämpfe zu machen. Das Judenthum und die Judenheit, so sehr sie lebendigen Antheil nehmen an all dem. was die Welt und das Volk, unter welchem sie wohnen, bewegt; so sehr sie sich bethciligen an allen socialen Bestrebungen, die zur Cültur und zur Versittlichung der Menschen dienen — und der letzte Zweck der politischen Kämpfe ist doch oder sollte doch Förderung der Cultur und , Versittlichung der Menschheit sein — hat doch die! Synagoge frei zu halten gewußt von solchen p o - i litischen Bestrebungen, die zur Entzweiung der . Menschheit dienen, nur selbstsüchtige, momentane! Zwecke im Auge haben und jene ewigen Ideen des; politischen Lebens in den Hintergrund schieben. Ja, wenn man sich auch in diesem Augenblicke fast scheuen muß, e4 auszusprechen; wir wagen es doch, das Wort wieder aus dem Schutte hervorzuholen,! unter welchem es das ebm auf die Neige gehende Jahr vergrub, wo man kaum wagen durste, es zu nennen: das Judenthum, mit seiner ewigen Ein« heitSidee, die ebensowohl die Einheit GottcS als die Einheit der Menschheit lehrt, ist seiner ganzen Na- I tur nach kosmopolitisch. DaS Wort ist gesprochen und wir wagen, eS zu vertheidigen, wenn man es zn verunglimpfen suchen möchte. Darum auch: wir haben in der traurigen Zeit de« Krieges als Juden unseren patriotischen Pflichten in vollem Maaße Genüge gethan und selbst unsere Gotteshäuser wiederhallten vom Gebete für daS Heil unseres Vaterlandes; es war unsere Pflicht und unser Recht! Auch in der jüdischen Presse ist so mancher Wort in demselben „nationalen" Geiste geschrieben worden; die Zeit und die Verhältnisse brachten es so mit sich. Aber jetzt — die Nachklänge sind sehr trauriger Natur! Laßt eS genug sein des traurigen Spiels mit Worten und Behauptungen, di? nur verbittern, nicht heilen. Hüben und trüben — muß gelernt und gearbeitet werden. Darin wollen wir uns unterstützen zum Heil des Judenthums! Jm Uebrigcn: Einigkeit! Was vorüber ist. ist vorüber. Unser Denken und Bestreben sei, Schäden zu heilen, nicht Wunden aufzuhalten. » * * Zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die wir aus dem Gebühren des winzig kleinen aber um so energischeren und fanatischeren Kreises der Hyperorthodoxie schöpfen, gehört die, daß die einfachsten * Sittengesetze, die Lehren und Anordnungen unserer ältesten jüdischen Lehrer von dieser Clique, die einzig die wahren Juden zu sein vorgebcn, mißachtet werden, wo es sich darum handelt, den Parteizwecken, die am Ende doch nur auf Schmähung und Verleumdung hinauskaufen, zu dienen. Wir haben z. B. mehrmals darauf hingcwiesen, wie man dm Tod des vr. Heß aus Eisenach anzeigte und ausbeutete; wir werdm demnächst über eine andere Verunglimpfung eines EhrmmanneS, dessen Lebm dein! Judenthume — aber dem entschieden fortschritlichm — gehört, zu berichten haben. Wir haben gesehen, wie der kurze Bericht über dm Tod und die Beerdigung des edlen und hochgeschätzten Professors vr. Herz in Erlangen mit Ausrufungszeichcn verbrämt wordm, weil die Rabbinen am Festtage (Sukkoth) an dem Grabe des hochgefeierten Mannes sprachm, der ein Fürst der Gelehrsamkeit uud ein priesterlich Geweihter durch die edelsten menschlichen

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