Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 12.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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83 iiud Guten; wenn du deine niedere Leidenschaften und Begierden beherrschest und 'den Nacken deines Willens beugest unter das Joch des Sittengesetzcs, der Moral; wenn du rechtschaffen und redlich bist in Handel und Wandel, treu und aufrichtig im geselligen Leben, mildihätig gegen Aruie und Leidende, ehrenhaft und charactcrvoll in all deinem Thun. Nach dem rabb Jdth. aber bist du ein verworfener, ein Gräuel Gottes und gehst deiner ewigen Seligkeit verlustig, wenn du noch so tugendhaft wärest, aber geflissentlich über eine Satzung des Schulchan-Arnch dich wcgsetzest. Welche der beiden Auffassungen der mosaischen Religion trägt wohl Ki den Stempel göttlichen Ursprungs an der Stirne? — Es ist aber, mein Sohn, keine leichte Ausgabe für den menschlichen Willen, sich ganz und in völliger Hingebung in dem Pfade der Tugend, des Sittenzesetzes zu lmlten und nicht abznweicheu weder, rechts noch links. Und dn mußt daher ganze Willensenergie aiffbielcn, 111. ©., willst du ernstlich die Religion, die Religion Israels in deinem Leben verwirklichen und der göttlichen Forderung entsprechen: ..Heilig (d. h. sittlich vollkommen) sollet ihr sein." (Ü. M. 19, 2.) Und schwere Kämpfe gegen die sinnliche Neigung und gegen die Maximen der Lebensklugheit wirst du bestehen müssen, willst du ihn verdienen den glorreichen Namen: Israel, welcher bedeutet: Gottcskämpfer, Kämpfer für Gott, für das göttliche Sittengesetz, (denn 1 M. 32, 28. ist ein ettimologistrendcs Beispiel.) ,'Jortsennng folgt.) Die MWon der jüdischen Schule in Vergangenheit und Hegenwart ist der Titel einer kurzen aber sehr gediegenen Abhandlung. welcher der Einladung zur öffentlichen Prüfung der Zöglinge der jüdischen Elementar- Schule in Oppeln vorausgcht, und welche wir, ibrer allgemeinen Bedeutung wegen, hier vollständig wiedergebcn: Zur rechte» Arinaffung und Wiftdigung des Großen und Wichtigen, was die jüdische Schule für die geistige und stttliche Entwickelung Israels erstrebt und geleistet bat, ist es nothwendig. ristkwärts zu schauen in jene finstere mittelalterliche Zeit, da in fast allen Staaten Europas streng knechtischer Kirchendicnst und kqlteS, starres. Fqrmeiovcse» das freie Pulfireu des Geistes gefangen chiest und zurückdrängte. Liese Zeitströmung , mit ihrem ersterbenden Hauche batte ihre dunklen Schatten bis in die versteckten Ghettos der Juden getragen und auch hier die Funken deS religiöse'i Fanatismus zur Flamme geschürt Das Leben in seiner vollen Thätigkeit wurde den Gesetzen und Regeln der Religion, wie solche in weitester Ausdehnung zur Zeit gelehrt wurde, unterftellt, das Wiffen ihr unterworfen. Auf dem Gebiete der Wissenschaft war cs dem forschenden Geiste nur allein erlaubt, fich in das gewaltige, labyrinthische Lehrgebäude des -Talmuds zu vertiefen, jedes Studium, das außerhalb desselben lag, war als profan und irreligiös verpönt. Die einseitige, Geiswsrichtung. und Thätigkcit erzeugte in nothwendiger Folge eine riete Geistesarniuth, welche, unterstützt von einer streng ascetischen Lebensweise — der sich der Körper uni der Religion willen unterzog — irre dem schweren äußeren politischen Drucke, in ge.stige Erschlaffung und Erstarrung überging. Dieser traurige Zustand Israels dauerte noch fort, »ach> dem über den Böllern, angebahnt durch die fteien Schriften großer Denker und Dichter, durch erschütternde Revolutionen. eine schönere, sonnigere Zeit längst bercingebrochcn war. Nicht fähig, von dem Flügelschlage der Zeit in die Höhe getragen zu werden, wurden von Fanatikern die neuen Ideen über religiöse und politische Freiheit als anlijüdisch erklärt und veiketzeu, die einzelnen Inden, welche sich dennoch zu ihnen belehrten, als Abtrünnige und Irrgläubige angefeindet. — Es galt nun, die so geistig verkommenen Massen aus ihrem Schlafe zu rütteln, deren Geist zu klären und zu läutern, deren Gcmnth zu verschönern und zu veredeln. i:m sie dem Lichte, dem frischen, freiem Leben zuznsüh-en. Wahrlich, ein großes, ein edles Werk, dessen schwere Lösung der jüdischen Schule zufiel. Bald bei ihrem Ent- . steheil aber erivattete ihrer ein harter Kampf nach Innen und Außen. Die Nothwendigkeit.solcher Bildungsanstaltcn leuchtete den jüdischen Gemeiuden nicht ein; mau erblickte vielmehr in denselben »nr Stätten der Jrrcligiösität. in denen die Kinder vom frommen Glauben der Väter abgeleitet werden, und betrachtete es als ein gutes Werk, mit Wort und Thal gegen dieselbe anzuläuipfen. Die Schule mußte also ihren Segen Leu Gemeinden aufdrängeu und erntete für ihr Schaffen und Wirken Nichtanerkennung und Undank. Doch unbeirrt von allen schmerzlichen Erfahrungen n»d Täuschungen rastete sie nicht in ihrem edlen Eiter, ihre Brüder aus den» Geisteselend, in ivelches sie eine fatsche Erziehung, Verfolgung und Ausschließung vom Völlerleben gestoßen hatte, zu reißen und erstrebte nach langem Mühen und Arveiten die Neugestaltung Israels. Ammer tiefer drang das Licht der Bildung in die Schichten deS jüdischen Volkes, es blendete nicht mehr, sondern zündete und erwärmte, es zerriß den ritebet der geistigen. Finsternih und belebte in dem zur Eikeiiiitniß gelaugten Geiste den Dürft nach Wissenschaft und Kunst. In raschem Flügelschlage ritten nun die jüdischen Jüng-