Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 12.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433885--3708-4899913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 Es wird aber eine Zeit komme«, wo die Religion wieder hoch in Ehren lein wird bei den Menschen. Eine Religionsgemeinschaft wird entstehen, ausgebaut aur den Grund des sreien Denkens, aus Le« marmornen Säulen des WiiscnS wird sie sich erheben, ihre Spitze wird hoch hineinragen in den blauen Himmel des schönen Menschenthmns, und die Sonne der ewi- -gen. der reinen Vernnnft wird ihr goldene- Licht unbehindert hineinftrahlcn in ihr Inneres. Der heilige Geist der wahren Religion, der religiöse Genius der Menschheft wird bald sich offenbaren, in seiner strahlenden Herrlichkeit uitd die Männer erwecken, die diese Religionsgemeinschaft gründen für alle Zeiten und Geschlechter. Schon weht er geheimnißvoll und heilig durch die Länder und säuselt durch die Nationen, und mein Herz lauscht entzückt-seinem Flügelschlage und sein Odem stichelt wollüstig meine Seele. Heil den "Geschlechtern der zukünftigen Jahrhunderte! denn im Schoose dieser Gemeinschaft werden sie glückseliger sein und vollkomniencr, denn ihre Ahnen: eine geläuterte, verklärte Generation. In der Gegenwart aber, mftn Sohn, thut cS )u>th, mehr als je, die Jugend zu ermahnen, daß sic wandte in den heiligen Pfaden der Religion. Darum, uiein Sohn, du so reich begabt.r Jüngling. Liebling deines Großvaters, der um dein LÄensglück so sehr besorgt ist, mit tief erregtem Herzen ermahne ich dich, mein Sohn, halte fest an der Religion, halte fest an der Religion Israels, die da die reinste, die beste ist unter allen Religionen (und in ihrer Klarheit, die Religion der Zukunft darstcllt) lieber die jüdische Religion. 2. Kapitel. Mein Sohn, unter der Relgion Israels, die ich dir ans Her; lege, verstehe ich das biblisch-prophetische, nicht aber das rabbinischc (traditioimellc) oder talmudische Judenthuni. Das biblisch-prophetische Judenthum, oder die Religion Israels, die mosaische Religion in ihrer wahren Fassung, sieht die Verehrung Gottes, das ewige Wesen der Religion (sofern sie an den menschlichen Willen Forderungen stellt) in nichts Anderem, als einzig und allein in Reinheit des Herzens, der Gesinnung unddesWandels, oder mit andern Worten, in der Anerkennung und Bethätigung deS Sittengesetzes, der Ideen der Humanität, in der sittlichen Vollkommenheit des Menschen, in einem tugendhaften Leben. Dies, mein Sohn, ist die Idee, ist da? ewige Wesen, der strahlende Kern der mosaischen Religion. Die übrigen im Pentateuch enthaltenen religiösen Gesetze, die man Ceremonialgcsctze nennt, haben zumeist nur.in den Vcrhältniffen und Anschauungen der Zeit der fttzesetzgebung ihre Bedeutung, insofern sie den Verhäldnffe« oder den Anschauungen sener Zeit nach Mittel und Vchikel warm zur Fördern«» des religiösen, d. h. des sittlichen Lebenswandels, wahrend sie in unserer Zeit bedeutungslos find (mit Ausnahme von einigen, die auch in unserer Zeit religiöse Mittel sind). Das rabbinischc Judeuthum hingegen, das leider noch heutzutage das kirchliche bildet, sejst die Verehrung Gottes, das Wesen der mosaischen Religion, noch außerdem in die Beobachtung unzähliger, werthloser, dem Geiste der heiligen Schrift ganz entgegengesetzter Ccremonialgesetze Denn die Urheber und Begründer des rabbinischen Judenthums, die Pharisäer (die Rabbincü zur Zeit des zweiten Tempel), die Talmudistcn und ihre Nachfolger, haben die nwsaiiche Religion nicht nach dem Geiste, in ihrem schlicht erhabenen Sinne aufzufasscn vermocht So haben sic 1) Ceremonialgesetzen des Pentateuch — die nur Mittel sein sollten zur Anregung und Förderung eines sittlichen Wandels — dieselbe, ja oft höhere Wichtigkeit beigelegt, als den sittlichen Pflichten. Sic haben 2) Ceremonialgesetzen, die offenbar nur in den Berhältnisien und Anschauungen jener Zeit ihre Bedeutung haben, eine ewige Gültigkeit zugcschrieden. Sie haben ferner 3) die Gesetze des Pentateuch oft ür empörender WUlkühr ge- und mißdeutet, und unzählige Satzungen hineininterpretitt, die von dem wahren Sinne der Schriftftellehimmelweit cntfenit sind. Und endlich 4) haben sic eine Menge anderer Satzungen auf eigener Hand dem Judcnthum aufoctroyirt (wie dies Alles zu ersehen ist aus dem Talmud und seinen Trabanten). Also wurde aus der reinen, herrlichen, vernünftigen Religion Israels durch rabbinischc Meinungs- Verkehrtheit eine lächerliche Cereinonienreligion, ein System kaum übersehbarer, wetthloscr Satzungen, wie sie größtenthcils stiedcrgelegt sind in dem bekannten vielbändigen Codex Schnlchan anich, der den gesetzlichen Extrakt des Talmuds enthält, und denen Gesetze noch heutzutage von den meisten Israeliten als Gebote Gottes respektitt und praktisch beobachtet werden mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit. Nach dem biblisch prophetischen Judenchum bist du ein Israelit, ein Mensch, an welchein Gott der Herr sein Wohlgefallen hat. wenn du eines sittlichen, tugendhaften Wandcls dich befleißigst - wenn du bestrebt bist, dich selbst immer mehr zu veredeln und zu vervollkommnen. bestrebt bist, deinen Geist immer mehr auszubilden, de» Horizont deines WiffenS z« erweitern; wenn dein Herz voll rst von heiligen, edlen Gefühlen, von WohlwÄllen gegen alle Menschen, von Liebe zum Wahren, Schöne» I