Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 11.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 mit der Confesfion nichts zu schaffen hat. Die jüdische Gemeinde soll nun nicht absichtlich Hindernisse schaffen, wodurch sie diesem Streben cntgegenarbeiten würde. Der freie Geist des Judenthums soll in Wahrheit an der „Spitze der Civllisation marschiren;" das Judenchum soll in Wahrheit dahin trachten und es bezwecken, daß seine Einzelnen wie die Gesammthcit immer und'in allen Beziehungen ein paar Schritte voraus sind. Das Ju- Lenchum würde aber ein Hinderniß bieten, wenn es seine eigene confeffionell-jüdischc Schule hätte! (Wenn aber alle anderen Confcssioncn noch streng geschiedene und sich innerlich imnler confessionell eniwickelrzde Volksschulen haben? Red.) Zumal die höheren Anstalten, die Real- und Gewerbeschulen "die Gymnasien :c. :c.: sie Alle sind confessionslose (?) Anstalten und sollen sic es bleiben und das Judenchum als solches bat mit ihnen Nichts zu schaffen.' Allein gerade darum kann ich mir eine jüdische Gemeinde nicht denken, welche nicht Vorsorge für den Religionsunterricht ihrer Kinder getroffen hat. Ich weiß wohl, daß cs, insbesondere in großen Städten, in welchen die jüdischen Kinder in allen Stadtvietteln lind in allen Schulen zerstreut sind, äußerst schivierig ist, eine solche wohlgeordnete Anstalt zu errichten und das Intereffe dafür wann und wach zu erhalten: aber es inuß sein! Wozu sollen^dcnn alle die Vorkehrungen dienen, die zur Schaltung des Judenthums gettoffcil werden: wozu die Svnagogen und Alles, was damit zusammcnhangt, wenn unsere Jugend nicht wieder dafür, erzogen wird? Glauben die Eltern, ihre Kinder religionslos' crzieheil und cs dem Zufall überlaffen zu können, wie sich dieselben einmal zur Religion stellen werden? Ich zweifle, daß sie damit zu' ihrem Ziele kommen. Das Bedünuiß uach Rcligion, wenn ich so sagen darf, nach religiöser Erbauung nnd Erhebung ist so lebendig in den Gemüthcrn der meisten Menschen, ist so tief'in der Menscheunatur und im Mcnschcngciftc begründet, es ist ihnen io angeboren, daß sic wohl zuweilen oft Jahrlang sich von Allem, was damit zusammenhängt, lossagen können, daß aber dann aus einmal und besonders in bestimmten Fallen Her; und Gcmüth mit Macht in ihre Rechte._kommen, das Bcdürfniß nach Trost und Echcbung durch die Religion so gewalttg hervortritt, daß gerade dadurch dann dem Abwcichen von denn Pfade vernünftiger Religiosität Thür und Thor geöffnet wird, wenn nicht durch geeignete religiöse Bildung schon in der Jugend Vorsorge gettoffen wurde. Die Geschichte des Abfalls von: Judenthum könnte uns abschreckende Belege für meine Behauptung bieten; und wer mit der Geschichte des Judenchums bekannt ist, weiß, daß die Herren und Damen, welche in ihrer Jugend sich frivol zur Irreligiosität bekannten, in ihrem Alter christliche, myftisch-pietiftischc Protestanten oder Ultrakatholiken wurden und sich der Afterfrömmigkcit und dem Aberglauben zuneigten. Doch genug hievon; ich wollte nur die Nochwendigkett eines vernünftigen, jüdischen Religionsunterrichts erweisen. Wer aber ist mchr berufen, für diesen wirksam zu fein, als der Rabbiner? Wir wollen ihn nicht verpflichten, den Elementarunterricht in den jüdischen Rellgionsgegenständen und im Hebräischen zu crthcilen, wozu er sich — und da stimme ich mit den Herrn Lehrern überein —, wenig eignen möchte. Ebenso wenig verpflichten wir ihn dazu, fottgesetzt den Lehrer zu machen, noch wollen wir ihm das Recht zur Beauffichttgung und Bevormundung des qualisicirten Religionslchrers geben, »vie dies zum Schaden des Unterrichts und der Schule, uudzur Plage des Lehrers in den christlichen Gemeinden der Fall ist. Aber wir verlangen, daß er, je nach den Verhältnissen, sich des Religionsunterrichts annehme: daß er die Consirmanden in der Gemeinde, in welcher er sein Domicil hat, selbst unterrichte, daß er die Rcligionsschule als eine Institution betrachte, die seiner Fürsorge übergeben ist, ohne welche seine Wirksamkeit des realen Bodens entbehrt. Er muß den qualisicirten Jugcndlehrcrn mit Rath und That zur Seite stehen, muß wissen, was gelehrt werden soll, inuß durch sein Wort aus der Kanzel und seinen Einfluß in der Gemeinde die Theilnahme für die Rcligionsschnle wecken und stets warm erhalten, und nmß durch Fortbildungsunterricht in den höheren Lehranstalten, >o weit es nur immer tbunlich ist, die Kenntniß des Judentums mchr und mehr zu verbreiten streben. Wenn wir auch nicht einen gcbornen Jnspector der ReligionSschulc in ihin sehen, 'o können wir ihm doch nicht einen gebührenden Antheil am Religionsunterrichte und einen in den Schranken des Gesetzes sich bewegenden Einfluß ans deir Geist in der Religionsschulc versagen; es wäre-sonst sein Wirkungskreis in der Gemeinde ein sehr beengter und beschränkter; es würde ihm die Wurzel seiner Thätigkeit abgeschnitten. Freilich darf der Rabbiner nicht in Pastorale Selbstgefälligkeit verfallen, und jedes pfäffische Gelüste, die eine ungebührliche Beeinflussung -der Schule und der Lehrer zur Folge haben könnte, muß ihnr ferne bleiben. Es ist wohl schwer, hier die richtige Gränze zu treffen; aber bei festen Grundsätzen im Gemeindcvorstand, sowie beim Rabbiner und Lehrer werden sich diese wohl, ftnden lassen' (Fortsetzung folgt.)