Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 11.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433883--3699-4899905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 sich für verpflichtet hält, daß diese Forschung in dcui Ocean des Talmuds niemals so leicht abzuschließen ist, und ein solcher stets forschender Orthodore niemals für die Unfehlbarkeit seiner Entscheidungen vielmehr plaidirt, die Möglichkeit gernezugibt, daßlsielleuht beinHveitercn Forschen, mit Hilfe der früheren und spätereu>Decisorcn(Poskim)oas Ergcbniß anders ausfallen" könnte. Nur die Bornirtheit und die Trägheit des Geistes hält sich für unfehlbar, sieht weder nach Rechts noch nach Links und will auch nicht sehen. Tic Signatur der Jungorthodorcn ist die Bornirtheit, das störrigc Sichanklammern an die Ignoranz. Herr S. meint fermer, daß er sich berufen fühle, über die „hochwichtige Angelegenheit des Gcmeindctags" ein Votum abzugeben. Wir wollen nicht über die Gefühle urteilen, die ihm seine Selbstüberschätzung und sein Fanatis-. mus ciugcgeben, aber das sollten wir doch selbst von diesem Dürkhcimcr Rabbiner erwarten, daß er 1) von dem anzustrebenden Gemeindebund nach seinen Motiven und Zielen, wie solche hinlänglich gedruckt vorliezcn, Kenntniß genommen, zumal er doch selbst ihn als „hochwichtige Angelegenheit" bezeichnet; und 2) müßte doch jetzt selbst ein Jungorthodorcr wissen, was man unter „Votum" oder „Gutachten" versteht. Ein Gutachten ist nicht das Orakel eines absoluten „Ja" oder „Nein", sondern eine Prüfling des vorliegenden Gegenstandes, ebe man als Schlußergebniß. ja oder nein ausspricht, weil man sonst den Votumgeber alle Berechtigung absprechcn, ihn mr einen charakterlosen Schivätzer oder für einen Ignoranten Iwlten muß. Herr S. sagt aber selbst, daß dieser Gegenstand des'Gemeindctazs gar nicht einer ausführlichen Besprechung nöthig hat, um abfällig darüber zu rrtheilen, uiid wir müssen es ihm überlassen, ob er sich zu den characterloscu Schwätzern oder zu den Ignoranten rechneii will., Tic (Gründung eines Gemeindebundes ist Gegenstaud einersocialökenomischcn und kulturgeschichtlichen Ausgabe, eine reine Humanitätsfragc, die mit der specisischen Religion des Judenkhnms nichts zu thun hat. Als Gegenstand der socialen Organisation und der Culturcntrvickelung in den jüdischen Gemeinden Deutschlands liegt dieser Bund außerhalb des Bereichs des Rabbincnthums; weder die Ortbodoren noch die Hetcrodoren haben über ihn zu entscheiden, sondern er ist Sache der Gemeinden, welche für das Wohl und die Fortbildung ihrer Mitglieder zu sorgen bestrebt sein mühen. Das haben amh die wahrhaft frommen, unter dem Banner der Ignoranz nicht kämpfenden Rabbincn, die nicht mit ihrer Orthodoxie Kapital machen, unverholcn ausgesprochen. Ein streng orthodorer deutscher Rabbiner, Rabb. Tr. Hildesheimer in Berlin, der sonst für die orthr'dorc Partei sehr thätiz ist, sagt sehr richtig m einer Antwort" an einen ringarischen Rabbiner in Bezug auf den Gemeindcbund (Jüd. Presse Nr. 32.) „In unserer materiellerr Zeit wiegt eine practischc Einrichtung tausend Theorien auf, uird um so mehr eine solche folgenschwere, (wie der Gcmeindctag.) die unter dein gebildeten, wohlhabenden Theil zu inaugurircndc Association, und noch dazu irr einer Frage, die unbedingt gelöst werderr muß, und 'ohne die größte Gefahr für die ganze Wohlthätigkcit nicht ungelöst bleiben kann. — Dcßhalb müssen wir, trotz der so großen Dunkelheit, die den Schooß der Zukunst bedeckt, doch auch daran denken, daß es auch Unterlassungssünden gibt, und daß Jeder gegen Gott nicht nur verantwortlich ist für das, was er gethan, sondern auch flir das, was er für das öffentliche Wohl hätte-thun könmn und nicht gethan. Wir gehören aut dem Gebiete der Humanität Alle zusammen; religiöse Partcischatttningcn sollen und müssen, wenn das specisische Leben der orthodoxen Partei erstarken soll, in religiösen Fragen wohl cxact erhalten werden; jedoch in humanen Fragen durchaus nicht." In Bezug aus den Namen „Gemeindetag', den einige Jungorthodoren zu sebr tendenziös finden, sagt dieselbe Autorität, daß der ^toinc mit seinen Tendenzen so eng verwachsen ist, daß eine andere Benennung die Ziele wesentlich alteriren würde. „Soll der Verein nach seinem hohen Zwecke sämmtlichc Sunagogengcmcinden Deutschlands nach Außen hin für alle seine Bestrebungen moralisch repräsentiren, so muß er Mandate von Gemeinden haben. Tauchen dann Fragen auf, wie die Ealamität in Westrußland, werden judenfeindliche Bestrebungen versucht, wie jüngst in Mensbach, haben die Gemeinde» als solche, zur Ehre des Judcnthums, Petita als Ausdruck der Forderung nach Gleichberechtigung zu stellen, so muß hinter der frei nnd autonom gewählten Vertetung das moralische Gewicht der Gemeinden stehen, wenn ticics Organ mit dem nothwendigen moralischen Gewichte soll Aufttelen können." Ebenso widerlegt schlagend und überzeugend Herr H. den ungerechtfertigten Vorwurf, den erdichteten Zusammenhang des Gemeindebundes mit der Snnode. die verkehrte Forderung einer bestimmten orthodoxen Leitung dieses Bundes, da die Leitung doch selbstverständlich nur den Männern des Vertrauens der Majorität zukommt. Bei dem Gemcindebund handelt cs sich nicht um religiöse Fragen, noch weniger um svnodalc Entscheidungen einzuschmuggeln, sondern nur um jüdisch gemeindliche Humanitätspflichten. Tie Plagen der Gemeinden durch die von Osten einbrechendc stark übenvucherndc Wandcrbettelci, welche durch zahllose Unsittlichkcitcn und Mißbräuche aller Att die Ehre der Gemeinden schädigt und diese dem Staate gegenüber herabsctzt, müssen in Üebcrstimmuna mit unserem l Gcm il ut C b esed beseitigt werden. Die Lösung ist eine sociale Aufgabe des Gemeindebundes. Dann ist es auch ein Bedürfmß, daß anerkannte, würdige Gemeinde- und Schulbcamtc im Greisenaltcr versorgt, daß die Hinterlaffenen der Rabbiner und Lehrer unterstützt werden, was ebenfalls die Aufgabe des Gcmeindctags ist. Ein