Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 10.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433881--3695-4899902- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 bicjcö biblischen Buches — gleich der Mendelssohn scheu Schule — im erotischen Sinne, wobei er der oben erwähnten talmudijchcn Deutung folgend, drei Hauptabthciluugen dieses Liedes nebst einem Nachtrag annahin; jedoch das Ganze als eine zusaumienhängende Dichtung darftelltc. Herr Holländer hat eben auch einen solchen Zusammenhang in seinen« geistreichen Commcutar erzielt; ging dabei aber von der sittlichen Idee aus, daß der Dichter dieses biblischen Liedes die moralische Charakterstärke der israelitischen Frauen in"dem Benehmen und den Aeuherungen der Sä«äferin Sulamith schildern «rollte — und gerne beugen wir uns vor. vieler erhabene«« Idee und deren Ausführung. Bei dieser Gelegenheit könne«« mir hier' die Bemerkung nicht unterdrücken, daß, wenn sich das Räsonirblatt „Der Israelit" genannt, in «einem fanatiich- «arcastifchcn Tone tragt: „Wer kennt die unwissenschaftlichen. aller theologischen Kenntniß baren, nicht rabbinischen Rritglicder der jlingsten Srmode«uir ihm dieses Werk des Delegirten Herr'«« Holländer Vorhalten möchten, der in seiner Bertraiitheit mit Bibel und Falmud den sogenannten neuorthodoren Rabbis «'icherlich nicht nachsteht, vielleicht mit seinem in rein hebräischer Spraäfe geschriebenen Eonimentar die meisten übertrifft. Sb die ganze Eliauc ihm einen in jüdischen Fächer«« gleichgelchrten „Laen" entgegenftellen kan», möchten «vir «ehr bezweifeln. Schließlich geben «vir in nachfolgende«« Blättern - mit Erlaubnis desVerfassers — die herrliche „E h arakteriftik der biblisch-jüdischen Frauen," wie solche derselbe als Appendir «nn« „Hobenlicde" veröffentlicht hat. (Später. Redaction.) Or. Hochslädt er Bezirksrabbiirer in Bad-Ems. Feuilleton. ^Lustschtösscr. Alte Geschichten von F. (Fortsetzung > Das war seit Wochen ein Putzen und Scheuern, ein Aufräumen und Borbereiten! Der Pesach.nahte, das ivonnige Fest der Freiheit, das dem Israeliten «vie ein Frühlingsbote erscheint. Jetzt «var der Civcr Pesach da, der Tag vor dem Feste, und Alles hatte bereis ein festliches Gewand; es war so still und ruhig; die Männer standen umher in den Straßen, «vie an« Feste selbst uit: nur die Hausfrauen eilten zuweilen in ganz besonders frischen und reinlichen. Hauskleidern über die Srraßen des kleine«« Ortes, um noch das und jenes zu besorgen. Doch schauten sie dabei besorgt zurück aut die Thürcn ihres Hauses, ob nicht ein Unberufener die geheiligten, mit Sand oder auch mit Stroh, Säcken und Teppichen belegte«« Schlvellen und Hausfluren überschritt u««d den Glanz verwischte, jenes herrliche Heimgcfühl, das nur die Reinlichkeit jn Verbindung mit der Eres Pesachfeststiininung hervorrief. £, heilige Poesie des jüdischen Hauses! «varnm mutztest du schwinden mit den« Lichte der neue«« Zeit? Wer erinnett flch nicht mit Wonne an die schöne Iugend.zeit, «vo das Herz so voll Seligkeit «var über all das Herrliche, was der Erei Pesach brachte, vom El'on«ezverbreni«cn bis zur Mittagstafel ohne Brod u««d ohne Mazze, bis zu den neuen Kleidern und der Seüerichüssel >. Auch Lehreld freute sich; und als er Abenos ins Zimmer der Frau Marr trat, und dieie würdige Greisin in ihrer Festtracht vor dein bereiteten Tische sitzen sah, dachte er zurück an die Fugendjahre, «vo die früh verwittivete Mutter mit Tbränen in den Augen dem vaterlosen Sohne Anlveisung gab, «vie der Seder zu gestalten; er dachte aber auch an die Zukunft und zauberhaft verlockende Bilder erregten seine Phantasie —. Eben wollte Marr beginnen, da öffnete sich die Thüre und Veilchen trat ein — die Hände ängstlich ringend und «vomöglich noch bleicher als sie gewöhnlich «var. „Mein Vater ist noch ilicht nach Hanse gekommensprach sie weinend! „Was soll ich tlmn'{ Ich weiß nicht, «vo er ist." Sie schrvieg und Marr sah Herrn Lehfeld au. dessen «Besicht sich auffallend veränderte, als er das schöne blasse Mädchen so erschreckt und «veinend sah. „Mutter", sprach Marr, „ivas «ollen «vir lhun (“ „Nichts," antwortete Frau Marr streng, „ Wer am ersten Pesach-Abende nicht zur rechten Zeit nach Hause kommt, dessen Zützc tragen' ihn nicht inehr. Mache, beginne deinen Seder, und «venu Dl« fertig bist, da«««« gehe hii« u««d thue, was du willst." Alle «nutzten folgen. Es «var ei«« trauriger Sedcr; Veilchen saß zur Seite, die Hände gefaltet, das Augc zur Thüre daSShr auf jeden Laut gespannt, der von der Straße her sich vernehmen ließ. Der Seder «var bald zu Ende; mit jedem Worte, mit jedem Laute erhöhte sich die Angst des armen Kindes. Auf eininal sprang'sie in die Höhe; mehrere Leute kamen die Straße