Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 10.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 einher, die laut mit den Vorübergehenden sprachen und man bemerkte eine gewisse Aufregung auf der Strafte. Veilchen eilte zum Fenster; da stand auch schon Lchseld nedeu ihr und schaute zum Fenster hinaus. Aber kaum hatte Veilchen einen Blick auf die Strafte binausgewerfen, als sie auch schon von da zur^Thüre und hinaus eilte. Einige Männer trugen Spielfeift, der an. einer tiefen Stiruwundc blutete, auf einer Bahre. Er hatte, io sagten sie, Stteit im Wirthshause des Nachbarortes und dabei einen Schlag bekommen, der chn besinnungslos machte. Man brachte ihn nach Hause und in fein Bett. Llappermosche saft noch an scineu« Seder. Er stand nicht von seinem Platze auf; der Bruder kümmette sich nicht um den Verwundeten, dem der Arzt schon ein Verband angelegt hatte. Nur Lehfeld und Mnrx und später Joels Fanny gesellten sich zum unglücklichen Veilchen, und blieben während der ganzen Nacht bei ihr und dem Kranken; der sehr unruhig stets „von'einem Papiere" im Eckschränkchen nur sprach. Veilchen wufttcsich das nicht zu erklären. Sie hatten kein Eckschränkchen in ihrer Wohnung und alle j bedeutende Schriftstücke, die sie besafteu, waren ihr be-; kannt. Freilich war dabei kein Nachweis über chrc oder! Vaters Beziehungen zu Cnfcl Mosche — aber daran! Lachte sie heute nicht.; Mit gefalteten Händen, stieren Blickes saft sie vor \ dem Bette des Vaters: neben ibr die wenigen Menschen, ' die sie liebten. Aber sie beachtete heute Niemand; Me schienen chr fremd zu sein; sie hörte nicht die ttöstendei» Worte der Freunde; nur das Stöhnen chrcS Vaters. Es war -och chr Vater! Und wenn auch sein Leben ihn ihr thatfächlich entfremdet hatte — was band sie noch auf der Erde, wenn Er von ihr schied? wo soll sie Schutz sinden ohne chn? Es war eine herrliche Frühlingsnacht; der Friede des Himmels war über der Erde ausgebrcilet — die Menschen, die hier um das Bett eines Todttranken versammelt waren, mertten nichts von diesem Frieden. sie beachteten den Kampf dem mit Tode, welcher hier ausgekämpst wurde. Was weift der Mensch vom Leben in der Natur, wenn in chm selbst und in seiner Klause ein Kamps aus Leben und Tod ist. Spät in der Nacht kam Onkel Mosche. Auch chn schien die vor Schmerz erstarüe Veilchen nicht zu beachten. Nur Feift schien bei seinem Anblicke mit Gewalt sich aufraffen zu wollen. Als er wieder das Wott Eckschränkchen l-ervorstieft, deckte eine fahle Bläffe das Angesicht Klappermosche's. Von den Anwesenden hatte es nur Lehfeld bemerkt; was bedeutete dies? Veilchen wendete ihren Blick auch dann nicht ab, als nach einer kurzen Weile Mosche sich entfernte. Bald darauf kam er zurück; mit ihm kamen einige andere Männer und Rabbi Pinchas. das Fattotum der Gemeinde im Kampfe zwischen Leben und Tod. (Fortsetzung folgt.) Für den Buchhandel in Commission bei Oskar Leiner in Leipzig. — Z. Go ttsleben's Buchdrucker ei in Mainz. Verantwortliche Rrdaction und Verlag von Joseph Klingen st ein, Lehrer zu Ingelheim.