Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 10.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 ten Wände der allen, finsteren Synagogen; cs sind | lichte Räume, vielfach geschmückt und nach den Gesetzen der Schönheit aufgeführt. Ta stehen die andächtigen Beter mit ihrem Angesichte dem heiligen Lande zugewendet. Sind die Gebete in der alten Form so anregend, so erschütternd für uns, wie sie für unsere Pater waren? Die Worte sind da, aber die Andacht ist entschwunden! Wodurch? In tausenderlei Gestalt ist der Zweifel, die veränderte religiöse Anschauung auch ins Gotteshaus gedrungen, und was die Päter noch uiit heiligen Schauern der Andacht erfüllte, es läßt die Söhne mindestens kalt, auch dann, wenn sie die Gebete verstehen. . Aber wie wenige sind im Stande, zu verstehen, was sie beten! ttaun da auf die Dauer die Andacht, die Liebe zum Gotteshause erhalten werden ( Gibt es aber irgendwo eine Schule, welche im Stande wäre, für alle herkömmlichen Gebete, die Pnttim natürlich einbegriffen, das richtige allgemeine Perständniß anzubahueu'? Und wenn sie wüßten, was sie beten; würde die Andacht wohl eine größere sein \ Tie Gedanken haben eine andere Richtung genommen; die Liebe zum heiligen Lande, das glühende Perlangen nach Wiederauferbauung des Tempels, nach Wiederherstellung der blusigen Dpfer ist entstoben, bei Allen; Niemand mag sie oder kaizn sie zurückrufen. Es ist eitel Heuchelei, wenn das nicht zugcstanden wird; auch die orchodorestcn Juden mögen das Land nicht vertanen, in welchem sie ihre Heimath haben, wo-sie ihre Häuser und Paläste, ihre Gärten und Weinberge, ihre glänzenden Geschäfte und comfortablen Einrichkiinzen besitzen, wo es ihnen wohlgehl; das sic als Paterland lieben, als das Land, wo die Gebeine ihrer Päter ruhen. Wenn sie nach Jerusalem zurückkehren wollen; jetzt, in diesem Augenblicke, wer könnte sie daran hindern? Sic haben die Mittel, vollauf. Warum thun sie es nicht?-Wir, wir gedenken des Landes un'erer Päter mit warmem Herzen, wir fühlen -den Schnier; der Erinnerung an eine Größe, die—für immer dahin ist; wir wiffen aber auch, daß die Zeit nicht mehr dazu angethan wäre', die mosaischen, lheokrati« schon Einrichtungen den ganz anders geordneten Staatsweicn der housigen Zeit cntgcgcnzustellen; — es ist vorüber, wir wollen und können nicht zurück. Das sind nur einige der vielen ungcheilten Differenzen;- die alle Juden der Gegenwart von den Formen des religiösen Lebens, wie sie theoretisch und praktisch bestehen, scheiden. Wir berühren nicht die bis ins Innerste, bis ins Herz der Lehre selbst dringenden Zweifel. die Bedenken über die buchstäbliche oder' bildliche Austastung der heiligen Schrift, über den Werth oder Unwerth des größten Thcils der Eeremouialgcsetzc, über die Verbindlichkeit der Speisegesetze, über die Principien der Tradition. Wie sollen alle diese Differenzen ausgeglichen werden? Man hat in neuerer Zeit den uitgeheucrlichcn Gedanken ansgesprochen, Alle als aus dem Judenthum ausgeschieden zu betrachten, die mit diesen Gesetzen ganz oder theilweise gebrochen haben: die Hand aufs Herz, i Ihr Neuorthodoren! Wenn Ihr als Richter bei dieser , Ausschließung Eure Großväter, welche vor hundert Jahren lebten, berufen wolltet; wer würde noch von Euch und uns Allen als Jude anerkannt und betrachtet werden? Wir, nein, wir wollen darum a u ch nicht Einen ausschließen, er habe sich denn selbst, öffentlich und feierlich, selbst ausgeschlossen. Diese Thatsachen sind es, die. alle die Bestrebungen hervorgerufen haben, welche, der Synode gleich, in die Deffentlichkeit traten, nm das Judenthum zu rcgcneriren und zu reformiren. Es sind nicht allein die Rabbincrversammlungen, die Couferenzen, die S c m U Harten und die theologischen Pereiuc, welche einem Bedürfnisse der Zeit, der Regeneration, der Umgestaltung und Reform Rechnung tragen, die alleiamint an und für sich, ob sie wollen oder nicht. von denr Grundgedanken der Reform geboren worden, sondern : auch die Zeitschriften, die Erscheinungen auf dem Ge- - biete der Presse, in welcher Form und von welcher Ten-! den; auch; alle haben der Zeit und ihrer umwirkenden : Einflüsse ihr Entstehen zu verdanken. Jede Zeitschrift ' hat zum Grundgedanken Bewegung upd Leben, nicht i Stillstand; ist hcrvorgegangen ans dem Gedanken, den! Bedürfnissen des Lebens in ihrer Weise Rechnung zu tragen. Warum haben die bisherigen Bestrebungen nicht den rechten Erfolg gehabt? Weil sich die Vertreter der Theologie selbstgeuügsam berufen glaubten. allein von dem Boden der Wissenschaften aus die Eonsticte auszugleichey. die nicht die Wisicnschaft, sondern das Leben geschaffen, das'sie nicht genugsam zu Rache zogen; weil es in der Tendenz unserer Zeit liegt, überall Bevormundung, Hierarchie zu wittern, und Niemand, weder der Einzelne noch die GesammtKeit, die Gemeinde, sich gerne Anordnungen gefallen läßt oder unterordnet, bei deren Jnslebentteten sie nicht gefragt, worden. Gestehen wir. daß das Leben hier eine volle Berechtigung in sich trägt. So hoch wir auch die theolog sche Wiffenschaft achten; sie wird, wenn sie nicht die anderen Factoren zu Rathe zieht, wenn sie nicht die Resultate aller Wissenschaften in sich aufgenomineu Kat. stets eine vorwiegend historische Tendenz haben. Aber nicht die wissenschaftlichen Differenzen sondern das Leben hat den Constikt hervorgerufen, und nur, wenn das Leben und seine Bedürfnisse beftagt und berücksichtigt werden, läßt sich eine Ausgleichung erwarten und auftreben. Das ist die Tendenz der Synode. Sie findet ihre Analogie auf fast allen Lebensgebieten. Dieselbe Tendenz beherrscht unser sociales und Rechtslebcn, spricht sich aus in den gesetzgebenden Kamnierir und Schwurgerich-