Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 9.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
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62 / / und gleich wirksam eingreifenden geistigen Faktor erst die wahre Gleichstellung und Ebenbürtigkeit der Juden und des Judenthums erreicht sieht, ob es einem solchen JuHm — und wer sich zu dieser Höhe der Betrachtung ^mcht zu erheben weiß, in nicht urteilsfähig — ob es einem solchen Juden wirklich in den Sinn kommen darf, die hundertjährige geistige Arbeit der deutschen Juden, die allein die Juden der ganzen Welt befruchtet und zu neuem Leben erweckt, niil Koth zu bewerfen und mit unreifen Geschichtbuchmachern in den Schlamm der «Gemeinheit zu zerren. Daß du dies vermocht, hat niir um deinetwillen lief weh gcthan, und ich konnte dich nur mit dem alten Spruche entschuldigen, daß der Mensch nicht für die im Schmerze ausgcstotzenen Aeußcrungcn verantwortlich gemacht werden könne. Angesichts der mächtigen, nach allen Seiten hin fruchtbaren, das ganze Geistesleben mit reichem Inhalte erfüllenden Geistesbewegung unter den Inden Deutschlands neben der Dürre derer in Frankreich, wo die Schale blos von deutschen Nebersiedtern inil deutschen Mitteln gehoben werden — bei diesem Bergleiche die Juden Deutschlands schmähsüchtig begei-- fern und sich als Inden Frankreichs in die Brust werfen. dazu gehört etwas starke — Französirung. Ich vergesse wahrlich am wenigsten, war Frankreich der Welt, den Juden gewesen uud noch zu sein berufen ist; nur möge auch Frankreich nicht vergessen, daß und was eine Welt nach Außen ihm ist. Mit den Gesinnungen der Rache für ein Unglück, dessen Eelbstverschnldung man eitel sophistisch jetzt von sich abwälzen möchte; mit der StaatsweisKeit eines Herrn Tiners, die nichts gelernt und nichts vergessen, die mit crinscher Offenheit sich noch heute zur Niederhaltung aller umgebenden Völker bekennt, nm nur allein im strahlende» Glanze zu erscheinen: die heute strastar mit dem infalliblen Papslrhnme. der Befestigung der Tiinimbeit liebäugelt, wie sie 1840 nach der Rheingrenze wüthend brüllte und die Juden des Drients willig dahingescklachtel hätte, wenn die Superiorität Frankreichs und des Latemerthums damit zu erringen war — mit solcher Weisheit wird Frankreich nie an der Spitze der Zivilisation stehen, und die Schuld fällt auf das Haupt desjenigen Volkes, welches solchen Frevel beginnt. Daß in Deutschland sich das Mittelalter mit Zähigkeit fesihalten will, gegen das Vorurtheil namentlich von den Juden, mit großer Anstrengung gekämpft werden muß, gebe ich zu; aber wir erreichen das Ziel, und der deutsche Geist steht uns mit den dauerhaften Vorzügen, die er neben seinen schwindenden Schwächen in sich hegt, treulich bei diesem Kampfe bei. Darum tragen wir den Rest ererbten Unrechts ohne Groll', wenn auch rastlos dagegen ankämxfend, mit dcni Bewußtsein, daß wir »ich: die Schmach des Teulichthums. sondern die eines verrotteten und die Welt in Stlavenbandcn haltenden Kirchthums tragen. So.halten wir das Panier der Geislesfreiheit hoch gegenüber der kirchlichen Knechtschaft und freuen uns, im Schooßc des Ctzristcnthunls — tapfere Bundesgenossen zu finden. Wie die Reformatwn auf deutschem Boden und im deutschen Geiste entstanden, wie die freie theologische Wissenschaft in Deutschland zuerst tiefere Begründung uud reichste Pflege fand, erst von hier aus allinälig sich ivciterhiil verbreitend', wie in den vierziger Jahren hier wieder die freie religiöse Strömung einherbrauste, aber daun un Schlamme politischer Revolution und Rcaction versumpfte, so erhebt sich wiederum nur in Deutschland Wissenschaft und Gewissen gegen die Anmaßungen einer in maßlosem Dünkel die Welt zur geistigen Sclbstvcrnichtung verdammenden Hierarchie, irnd wiederum wird dieGeislesfreiheit von hier aus gerettet und errungen werden. Jedoch während ich eine jede Erörterung vermeiden wollte, die selten zur Verständigung ftihrt und das sonstige herzliche Einverständnitz nur stören kann, bin ich, wie von einer höheren oder einer dämonischen Macht gettiedeu, tiefer hineingclonimen, als es meine Absicht war. Jedenfalls, merne lieben Freunde, halte ich daran fest: „Ich bin vor Allem Mensch, dann, erst oder vielmehr nur im steten Hinblicke darauf Deutscher und Jude. Als Menschen und Inden sind und blcilxn mir Freunde, sollte auch die Spannung der Rationalitäten auf uns nicht ohne trennende Einwirkung bleiben. Rach nnserem Theile an dem Anbauc geistigen Lebens und geistiger Befteiung zn wirken, das bleibt unsere Ausgabe und diese wird uns auch immer aufs Engste verbinden. Berlin, l. Sept. 1871. Abraham Geiger. Beschlüsse der 1. Synode (Schluß.'-Y 19. Alle Piutim,' sowohl für die Festtage wie für die Sabbate, sind in Wegfall zu bringen. An den Festtagen ist zwischen die Teffilah und das Hallet eine Fcstbettachtung über die specielle Bedeutung des Festes cinzuschieben. Geschcm und Tal werden durch ein deutsches Gebet ersetzt. Für das Hüttenfest sind die Hoschana's in hebräischer Sprache beizubehalten und am Hoschana rabba zu kürzen. 20. An« Roschhaichana-Morgen sollen einige deson- *1 Irrthümlich wurde an den vorigen Theil schon Schluß geschrieben.-