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Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 9. · p. Seite 61

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 9.
Date
1871-01-01
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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61 Krieg begonnen! Heuchelei, denn im Jahre 1866, nach Sadowa,.erklärte mir mein Neffe, ein National-Liberaler, der im deutschen Reichstag faß und sitzt: „Wir müssen das Elsaß haben!" Und so gab man vier Jahre lang Frankreich eine» Nadelstich nach dem andereil, bis dem Abenteurer, der aus dem französischen Throne saß, die Geduld riß und er 250,000 Soldaten unversehens einer bewaffneten Station in den Rachen wart! Wie lange wird dieser Friede währen? Alan hat Alles autgebotcn, um den Ehrenpunkt unseres Landes aufs tiefste zu verletzen! Nachdem man mit Gewalt eine Provinz losriß, in der bloß die Mucker sich gerne dem preußischen Pietismus hingeben; nachdem man nicht nur 5 Milliarden, sondern selbst durch jüdische Banquiers die Zinsen verlangt, hat man noch zuletzt in Frankfurt die unglücklichen Eommune-Verhältnisse zur neuen Verschärfung der Bedingungen anszebeutet und der politische ' Sbhlock noch tiefer in die Brust seines Opfers eilige-! schnitten. Einstweilen wird ganz Europa zur Kaserne, Waffenschmiede arbeiten an ihren Essen, Kanonen und J Mitrailleusen werden gegossen, und das nächstemal wird! sich daS schöne Programm der „Schlesischen Zeitung" vom letzten Januar bewahrheiten, daß sich ein Volk auf das andere zum Vernichtungskampfe stürzt. Was wird aus euch deutschen Juden werten, die ihr zu Tausenden euch wacker geschlagen und die ihr. im Sieacstauniel ebenfalls den Franzosenhaß gepredigt j habt? Manches deutsche Blatt mit den gröbsten Gemeinheiten hat bereits den Weg hierhergesunden. Ein Jude, der seinem Hauptmann das Leben rettete, will das Eiserne Kreuz blos in Begleitung von 80 rhalern aunehmen. Solch witzige Anekdoten.werden dem deutschen Pöbel enkgegengeworfen, damit er ja nicht an die Tapferkeit eines Juden glaube. Ich habe wenigstens einen Juden als französischeil General zum erftenmale aus diesem Kriege hervorgehen sehen; es ist ein Elsässer'. 'Namens See, sein Vetter ist einer der besten Professoren an der hiesigen kaoulte <le medicine. Unter Preußens Sccpter wird das Elsaß nicht so leicht mehr einen (soll wohl heißen: jüdischen'?! — Redacat.) «General liefern. Im Allgemeinen haben sich meines Wissens die Juden Deutschlands eines großen Undankes gegen das Land schuldig gemacht, dem sie jeden Fortschritt auf dem Gebiete bürgerlicher Gleichstellung verdanken. Die durch Mendelssohn angeregte Bewegung, an der geiviß die Encnclopädistcn mitgewirkt haben, hat in Berlin Fratzenbilder wie dessen eigene Tochter, Madame Veit'Schlegel, l... lichnmstische Frauenzimmer wie die Letztgenannte. Madame Herz, Frau Rahel, christelnde Apostaten wie die ganze Sippe der Meassefim-Familien, und irr der niedrigen Classe zahlreiche Figuren yeroorgebracht, deren getroffenes Conterfei Jsidorchcn und Lydic in „Unserem Verkehr" geworden sind. Franzosen, die ganr wie andere Franzosen sind, hat blos die französische Rekrtion schaffen können. Deir 15. -Der Brief ist bis heute liegen geblieben, und es thut mir fast leid, ihm diese Wendung gegeben zu haben. Aber du kannst dir nicht denke», wie schimpflich die Deutschen sich betragen, die gleich nach dem Friedensschluffe hierher geeilt sind, um aufs neue hier ihre Geschäfte zu machen, und die auf französischem Boden sich benehmen, als hätten sie' eben die Schlacht bei Sedan gewonnen und als dürften sie sich in Paris als Sieger gebaren.... A n t w o r t. Sr.. 2. August 1871. Bei der Ankunft am hiesigen Srte fand ich dein Schreiben vor, das mich lebhaft bewegt hat. Tic Hauptsache ist, daß du gesund und frisch bist, Lust an'der Arbeit hast und mit voller Rüstigkeit au sie herangehst. In ihr wirst du auch bald Beruhigung finden und den unbefangenen Blick gewinnen zur unparteiischen Würdigung der mächtigen Weltereignisse, die nicht blos au uns vorübergegangen, sondern auch mit uns selbst vorgcgangen'sind. «Gegenwärtig sind die Gemüther zu leidenschaftlich erregt, als daß eiir gerecht abwägendes Ilrtheil, welches auf das Wesen eingeht und Ncbenumstände als solche zur Seite zu verweisen mag, möglich iväre. Es wird daher das beste sein, wenn ich auf deine belebte Darstellung der Vorgänge und' deren Würdigung, deren tiefempfundeue Bewegtheit rch »ach ibrem vollen Werthe zu achten weiß nicht näher eingebe, wenn auch meine eigene Betrachtungsweise, die bei aller Anerkennung des französischen Volkes, seines hohen Wertstes als eines edlen Gliedes.an den« Organismus der gebildeten Völkerfamilie. bei allein Zugeständnisse vielfacher Unziemlichkeiten. wie sie von der entfesselten Leidenschaft der Kriegsfurie untrennbar find, iveit von der deinigen abivcichl Ich will daher auch nicht fragen, ob es sich wirklich mit den Anforderungen des sittlichen llrtherls verträgt, auf den Leib der Mutter loszuschlagen, die den Sahn genährt und ihn noch weiter mit ihren edlen . Säften pflegt, als ob es wirklich dem gebornen Deutschen wohl ansteht, ihm, der mit dem Geistesleben Deutschlands getränkt worden, in ihm noch heute jwurzelt, aus ihm die eigenste reiche Nahrung zieht, nunmehr Deutschland und seine ganze geistige Entwickelung zu schmähen — ob es mehr als Phrase ist, ivenn Männer, denen die Wissenschaft das edelste Gut, deren Pflege die würdigste Lebensaufgabe ist, mit vornehmer Geringschätzung auf „die wissenschaftliche Profefforen-Eullur" Herablehen — ob es demjenigen Juden, welcher nicht bloß bürgerliche Gleichstellung und gleichen Genuß und gleichen Ehrcngcwiun verlangt, der vielmehr in der gleichen geistigen Würdigung und Erhebung, in der Gestaltung des Jndenthums zu einer die Gesammtentwicklung der Menschheit mit fördernden Macht, zu einem gleichberechtigten.

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