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Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 9. · p. Seite 60

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 9.
Date
1871-01-01
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 Was Herr Tr. Wiener mit Bezug auf die Bibel ausspricht: „im Gotteshause laut und öffentlich sollte nur das verlesen werden, was zur wirklichen Belehrung dient und ein sittliches Moment in sich trägt," hat uns, gelinde gesagt, unangenehm berührt. Was in der Bibel dient nicht zur wirklichen Belehrung? was trägt nicht ein sittliches Moment in sich? lind wenn Herr Tr. Wiener fortfährt: „Was gewinnt unser Cultus, was gewinnt die heilige Schrift an Achtung durch die Verlesung, wie die kriegsgeiangene schöne Frau ihre Toilette einzurichtcn, ihr zu schneiden, ihre Nägel zu pflegen habe, bevor der israelitische Lieger sie ehelicht." so müssen wir Herrn Dr. Wiener entgegnen: ja wohl, gewinnt die heilige Schritt an Achtung und an Belehrung des Cultus. Es soll die Kriegsgefangene nicht die Trauer um ihre Heimath, um ihre Geliebten unterdrücken müssen, sondern vielniehr dieselbe frei und offen ausdrücken dürfen — Abschneiden, der Haare-Zeicheu der Trauer: Hiob 1,20. Jes. 15 2. Jerein. 7, 20. 78,37.' Crech 7, 18.; umgekehrt bei uns heute/ — Es gibt überhaupt kür den erwachsenen Thcilnehmer am öffcntlichen Gottesdienste, und nur bei einem solchen kann von aufmerksamer Theilnahme die Rede sein, nichts in der Bibel, was das sittliche Gefühl verletzt. Ist etwas nach der benschenden Anschauung und Art des Alterthuins allzu offen und derb dargelcgt, so das; wir cs mit unserem verfeinerten Geschmacke nicht gut anhöreii können, so kann cs ja im Falle, wenn von einer Uebcrsetzung überhaupt die Rede ist, — denn der hebräische Ausdruck verletzt Niemanden — derart paraphrasirt werden, da st unbeschadet der Worte des Lriginals der Gedanke in anderer Form zum Ausdruck kommt, wie man denn auch gar oft bei Verlesung der herrlichen Reden .der Propheten,, als Hatthoroth in deutscher Sprache, ge-, nötbigt ist, manchem Bilde eine andere für unseren Geschmack passende Ucbcrsetzung zu geben. Wenn das Princip der Auslassung einiger Bibelstellen' bei der Lection, wie Herr Tr. Wiener richtig bemerkt, nicht neu ist. so möchten wir nur zu bedenken geben, Last nicht alles Alte, weil cs alt, gut. wie auch nicht alles Neue, weil cs neu, schlecht in. Ein politischer Kriefwechset. Tie „N. fr. Pr." veröffentlicht zwei Briefe, Zuschritt und Antwort, von denen sie mit Recht annimmt, daß sie zur Charakteristik der jetzt in Deutschland und Frankreich herrschenden Stiinmung einen Werth haben. Tie Beziehungen der Briesschrciber ergeben sich, soweit die öffentliche Meinung darüber einer Aufklärung bedarf, genügend arrs den Briefen selbst, so daß es einer weiteren Erklärung nicht bedarf. Ein französischer Gelehrter schreibt an Dr. Abraham Geiger, den Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin: Zuschrift. Paris. 1l. Juli 1871. Tein liebes, herzliches Schreiben vom 21. Juni hätte eilte raschere Antwort verdient t aber ich bekenne cs, es wird mir noch schwer, nach Deutschland und zumal nach Berlin zu schreiben. Preußen erweckt in mir w schmerzliche Erinnerungen,- daß ich nur nothgedrungcn meinen Blick nach dem rauhen Norden wende. Man muß die Dörfer gesehen haben, wo kein Angriff, kein Kampf, auch nicht einmal die Nothwendigkeit einer eventuellen Vertheidigung, sondern Soldatenwuth und Zerstörungslust die prachtvollsten Villen in Ruinen verwandelt haben, wo allenthalben Thürcn, Fenster und Fußboden verbrannt, Spiegel zerschlagen, Marmarkamine zerstückt, Eisengitter mit Hebestangcn losgcrisseir und verbogen, wo alle Möbel, Betten und Standuhren verpackt und in die leeren Schlösser armer Junker verführt, wo kostbare Shawls und Spitzen, Schmuck und Diamanten für deutsche Frauen mit preußischer Galanterie eittwendct wurden, um die klaffeudc Kluft zu erkennen, die wissenschaftliche Professoren-Cultur von feiner, delicater Herzensbildung trennt. In E. habe ich an den Landhäusern die vertrockneten iöaubgcwinde mit der Inschrift: „Es lebe der Kaiser!" hängen sehen, und die Garde-Tfficiere hatten die rohe Rücksichtslosigkeit, den heimkehrenden Eigenthümern die Entfernung dieser Sieges-Trvphäcn zu untersagen. Tas sind Kleinigkeiten, aber sie haben ihre Bedeutung. Wir haben allerdings das Unrecht gehabt, einen Kaiser zu nehmen, der, wäre er nicht im Palaste seines T Heinis geboren, alle Eigenschaften eines Glücksritters oder Chevalier d’industrie vereinigte.:Allein in den fünfziger Jahren, als unseren Gaunern das Spiel noch glückte, hat das ganze Europa dem Bonaparte die niedrigsten Schmeicheleien entgegcngebracht, während mich schon damals die elende Kriecherei vor einem verschmitzten Condottiere mit Ekel erfüllte. Jetzt freilich straft man Frankreich und raubt ihm eine Provinz, weil cs den *) Nach unserem Dafürhalten ist dieser Gelehrte Professor Dr. Terenbrirg aus Mainz, verwandt mit Ludwig Bamberger und Onkel des Dr. Dernburg-aus Darmstadt, Sohn des einstigen Generalstaätsprokurators Dr. - Dernburg, der im Jahre 1833 Vorstand der jsr. Gemeind Mainz war, aus einer sehr frommen und würdigen Familie stammte, sich aber später taufen ließ. Für unsere Zeitschrift haben diese Briefe Bedeutung nur durch die darin niedergelegten Ansichten über Juden und Judenthum; die politschen Anschauungen können uns hier nicht beschäftigen. Judenhcit und Judenthun als solide sind kosmopolitisch; sie haben nur die einzige-politische Ansicht nnd Tendenz die Einigung und Verbrüderung der sMcnschheft. Wer dagegen wirrt, ist des Judenthums Gegner. Redaction.

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