Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 9.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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bestehende Crömicur'sche Dccret in seinen Depeschen nicht genug hatte loben können, der es als gcsctz- und rechtmäßig, iwthwendig und unumgänglich erklärt hatte — er war nun plötzlich dessen heftigster Gegner und richtete am 19. Januar 0. I. an die Kammer in Persailles eine Bitte um die Aushebung des Dekrets. Und seine Gründe? Sie sind säst sämmtlich aus der Rüstkamnier geholt, wo die schartigen Schwerter und Lanzen des Mittelalters rosten. Die Juden seien keine Franzosen, sie seien Araber, die dem Gesetz Most folgen; sprechen arabisch, ihre Muttersprache, schlecht. schreiben es mit hebräischen Buchstaben, sprechen franzönsch als nnfötinliches Kauderwelsch; ihre Sitte und Kleidung seien orientalisch. Tie Juden besähen keine geistige Befähigung; kennten nur ein Gewerbe: den Handel, und nur eine Leidenschaft: Geld zusammcnzuscharrcn; lebten in schmutzigem Geize, bätten weder französische Traditionen, noch europäische Eiviliiation, seien ohne Vaterland. Sie seien ganz unkriegerisch, könnten keine Soldaten werden, brauchten 9 Monate, bis sie einen Schuh abftuer» lernen, obne dabei rückwärts umznfallen, würden stieben, wenn sie die Kugeln pfeifen hören. Durch die Aufnahme der Israeliten in die Reihe der Franzosen würde man die Treue der Muselmänner erschüttern und sic ett'ittern, da dieie einen Anden nie als Waffengefährten anerkennen "würden. Sie würden die Wahlen der Gemeinderätbe beherrschen und sich der Leitung der Gemeinde-Angelegenheiten bemächtigen, und man müsse sich hüten. 2'/2 Mill. Mnselmänner zu reizen. Für einen Muselmann sei der Aude kein Meirich; er kann in das Haus oder Zelt eines Arabers treten und die Frauen verschleieren sich nicht, der Mann wirb nicht eifersüchtig. Crvmieur, der allzeit wackere Kämpe für s Jndenthni», widerlegt alle diese angeblichen Gründe schlagend und mit Geist. Wir wollen den deutschen Leier nicht mit der Wiederholung ermüden. Hatten und, leider Gottes! haben wir zuweilen in Deutschland nicht noch ähnliches Gewäsche zur Genüge? Sind es nicht dieselben wohlbekannten stumpfen Waffen, mit welchen sede herrschende Uebermacht die unterdrückten Nationalitäten zu bekämpfen und ihr Unrecht zu beschönigen sucht? Und die Kammer in Frankreich? die Regierung? — Man hat die Anträge äuLouret'o in der Eonimission modisicirt, — die Zeitungen meldeten jüngst von einer Audienz Crömicur's bei Thiers — aber, aufrichtig gesagt: der jetzige Zustand Frankreichs flößt uns nur geringe Hoffnungen ein. Frankreich bietet der erstaunten Welt ein erschreckendes Verspiel des Zerfalls dar; Frankreich, das arme Frankreich, ist durch seine Niederlage offenbar aus allem Concept gekommen; es hat militärische nnd finanzielle Rückschritte gemacht; es ist im Begriffe, commercielle zu machen; warum sollte es gerade religiöse Rückschritte nicht machen?! — Nous verrons. Nürnberg. L. A. Frankfurt a. M., im September. Unterhalten Synodalen ist es der wackere Herr Tr Wiener, der seinen Ernst und Eifer für die Sacke des Fortschrittes auch wieder dadurch von Neuem bekundet. daß er der erne in Ihrem neuen Synodalblatte, der Fragen zu allgemeiner Besprechung anrcgt. Möge Ihr Blatt fleißige Mitarbeiter und zahlreiche Leier,- besonders in den Schickten der jüdischen Landbevölkerung, finden, auf daß dort eine klarere, reinere Vorstellung von unserem Wollen und Streben Platz greift. denn nur auf derattig enge Kreise kann das frevelhafte Spiel gemünzt fein, das den Städter nur zum Spötter inackt ii), ihm höchstens ein mitleidiges, bedauerndes Lächeln abgeivinnt, ob dem von Dummheit und Keckheit strotzenden Tone, in welchem fromme Seelenbirten, taub gegen die Stimmen der Wahrheit nnd Ehrbarkeit, Unheil und Verwirrung durch ihre geistige Verirrung bervorrusend, fortfahren, die Sache der Wahrheit. ehrliches Streben und'eifrige Thal in den Koth herabzuzerren.- Mit Vergnügen haben ivir geleftn, daß in der Gemeinde Appeln das Geiger'scke Gebetbuch bereits eingeführt und auch der dreijährige Evklns demnächst E'ngang finden soll. Doch wäre eS dringend geboten, daß nickt nur von Gemeinden, die den dreijährigen Eyklus einzuführen gedenken, eine gemeinsame Verständigung erzielt werde, sondern daß dieselben auch auf diejenigen Gemeinden Rücksicht nähmen, in denen derselbe bereits eingenihtt. So wird hier in Frankfurt bereits das zweite Buch Mofis gelesen. Es muß auf Einheit im Allgemeinen gedrungen werden, auf daß nicht wieder Zersplitterung "und Getheiltheit überhand nehmen. *) Aber der Antrieb geht von den Städten aus und nur da ist derHeerd des Fanatismus, der Trennungsgelüfte, das Vorbild des unheilvollen Gcbabrens; und nur da istdcr bodenlose Jndifferentismus, der nicht nur über die Dummheit und Keckheit, sondern auch über das Heiligste, über die reinsten Bestrebungen spottet, den Alles kalt läßt, der im Materialismus versunken ist. Die Orthodoxie der Landbewohner ist gutartiger Natur, Gewobnbeit. Die Orthodoxie des Städters ist Heuchelei, Zweifel, Gesinnungslosigkeit, entstammt unreinen Absichten und stützt sich auf Egoismus: nur solche Orthodoxie ist fanatisch. Gerade in den großen Gemeinden müssen wir Boden suchen und finden für unsere Besttebungen, den tödtendcn Fanatismus und Jndifferentismus bannen; sonst ist Alles vergeblich. Red.