Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 9. · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 9.
Date
1871-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433879--3681-4899889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

58 Europa bei dem mittelalterlichen Drucke? Welcher Fortschritt ist möglich unter Unterdrückten und Sclaven > Der Zustand der Juden mußte sich zu ändern beginnen, als Algier französisch wurde — doch nicht io rasch und durchgreifend, als der sich denken mag, der die Macht tausendjähriger Gewöhnung und Sitte im Volke unterschält, nicht gehörig in Anschlag bringt. Der Jude in Algier konnte französischer Bürger werden, auf sein besonderes Rachsuchen. durch ein ausdrückliches Editt, wenn er sich dem. fraiizösischen Recht und Gesetz unterwarf. Run war aber durch die Capitulatton von 1830 den Muselmännern ihre besondere «Gesetzgebung geioährleistet und ebenso den Israeliten ihr „persönliches Statut Rach diesem Statut ivar den Israeliten Manäwrlei nachgegeben, was die französische — die europäische — Gesetzgebung und Sitte verpönt. Der eingeborene, der nicht emaneipirle Israelite, hat. emens, seinen eigenen Gerichtsstand mit Richtern seines Stammes und Glaubens. 2» Er kann nach uralter', morgenländiicher Sitte seine Tochter in ihren Erbansprüchen auf ein Minimum herabsetzen und seines Vermögens feinem Sohne hinterlassen. 3» Er kann durch 'die iog. Leviratsehe oder durch Ehalizal, die < kinderlose) Wittwe seines Bruders enttveder beirathen oder auch nicht, je nachdem es ihm beliebt. 4« Er kann sein Weib verstoßen, indem er ihr ganz einfach einen Scheidebrief bebändigt.- ä) Es ist ibm die Vielweiberei gestattet. Solche Eigenthümlichkeiten, solche tausendjährige Sitte wurzeln — welcher Menschen - und Geschichlskenner wüßte das nicht \ — tief in einem Volke und es d vf uns nicht wundern, daß verhättnißmäßig nur wenige Israeliten durch Aufgabe desselben sich in den Besitz französischen Bürgerrechts setzen mochten; sie hielten als echte Drthodore reif an dein. was sie als wesentliches Religionsgesetz anzusehen gewohnt waren. Run aber gibt es im Iudenlhum, wie Erömieur < S. 21 n. 22) u. A. seine Landsleute, in opocie die französische Kammer belehrt: „es gibt eine bewundernswertbe Voraussicht — eine Vorsichtwelche die Gläubigen eine göttliche nennen —: das Gesetz Gottes kann, bei den Israeliten. mit den Geietzen des Landes in Einklang gebracht werden. Ein Lehrsatz sagt deii Israeliten: Befolge das Gesetz des Staates, in dem du lebst, wenn man dir es auierlegt «der Herr Verfaner meint ohne Zweifel das wohlbekannte: „Dinah demalchutha di nah! g. Malz wird dem Juden die Regulirung seiner Erbfolge vorsHreiben, er wird seine Tochter nicht mehr dem Sohne hintan'etzeu; man untersagt ihm die Heirath mit seiner Schwägerin ohne Dispens, er wird sich unterwerfen; man untersagt ihm die Scheidung, er wird seine Iran nicht verstoßen; man verbietet ihm die Polngamie, er wird nur, eine rechtmäßige Gattin haben. Dhne seinem Gesetze zu entsagen, j wird er es einfach nicht ausüdcn, wenn das ihm aufer- , legte Landesgesetz es ihm untersagt". Darum hatten denn auch alle aufgeklärten Jsrae- ' Uten in Frankreich und Algier, die Eonsistorien an der! Spitze, erklärt: „Macht 35,000 Franzosen aus den; 35,000 israel. Eingebornen; sagt nicht zu ihnen: seid Franzosen, wenn Ihr wollt: nein! freiwillig werden sie dem Gesetze Gottes nicht entsagen; aber ertärt Ihr sie zu Franzosen, so werden sie gehorchen, sie werden wirkliche Franzosen sein und sich dem Landesgesetze willig fügen. So erklärt 1806 das große Sanhedrin das französische Gesetz zum Gesetze der als französische Bürger anerkanuten Israeliten; und so wird er in Algier geschehen ‘. Bereits das Kaiserreich, von dieser Wahrheit hingerissen, beabsichtigte, wie Erömieur weiter erzählt, die Massen - Emancipation der algier'schen Israeliten; a»f sein, Eremieur's, persönliches Andringen, auf seine Interpellation in der Kammer wurden von dem kaiserlichen Ministerium feste Zusicherungen gegeben. Ter Krieg von 1870 brach aus, das morsche Kaiserreich brach beim ersten heftigen Windstoß zusammen, Eremieur selbst trat als Iustizminister in die Regierung seines Landes und am 24 Dctober 1870 wurden die Algier'schen Israeliten von ihm cm masse emancipirt: „Es war," wie e.r (S. 2\) sagt, „ — ich verberge es nicht — eine der größten Freuden meines Lebens, 30,000 meiner Glaubensgenossen zu französischen Bürgern zu machen". Und Herr du Bouzet >. Wo bleibt Herr du Bouzet >. Geduld! wird sind schon bei ihm. So standen also die Dinge und die Algier'schen Juden waren seit sechs Wochen vollständig Bürger der großen -Ration, als Eremieur der Delegation zu Tours unfern Herrn du Bouzet zu den Funktionen eines General - Gouverneurs von Algerien vorschlug und ihn als obersten Eivil - Eommissär dahin sandte. Weitere sechs Wochen der Herrschaft des Eremienr'schen Decrets folgten, cs war der 24. Januar 1871, und es handelte sich um Reuwahl der Algier'schen Tistricts- und Geineinderäthc. Herr du Bouzet bat den Instizminister, den Israeliten, die bis dahin eigne Vertreter in diesen Versammlungen hatten, diese zu entziehen und ihnen dafür das allgemeine Stimmrecht zu verleihen, da er glaubte, die Israeliten würden ihre Stimme ihm geben, . d. h. f e i n e Eandidaten in den Rath senden. Aber er hatte sich getäuscht. Als es zur Abstimmung kam. am 5. Februar 1871, gaben die Israeliten mit den Muselmännern ihre Srimmen dem von du Bouzet aufgelösten Sladtrath und Herr Eremieur mußte zu seinem größten Bedauern leinen in der Minorität gebliebenen Eommissär du Bouzet abrnfen. So entsteht in der Regel der Judenhaß. Herr du Bouzet, der das seit dem October 1870 unangefochten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.