Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 7.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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Das häufige und regelmäßige Wiederkommen ein und derselben Persönlichkeit beweist, daß man den schon, so oft Unterstützten durch die Gaben zur Begründung einer LetenS-Existenz nicht verholfen; sondern eS werden durch die milden Gabe nur die Einnahmen der Eisenbahnen und der niederen Wirthhäuser vermehrt, den Empfängern bleibt nichts. DaS immerwährende Umherwandern ohne Beschäftigung und ohne andere Thätigkeit als das unablässige Speculiren, wie man am eindringlichsten das Mitleid erregt, erzeugt eine Heuchelei, eine Lügenhaftigkeitwelche nur die Anfänge einer weiter greifenden Demoralisation sind. Allmälig werden die Menschen, mit dem Laster in jeder Gestalt vertraut. DaS nicht zu vermeidende Zusammenleben der verschiedenen Geschlechter, das .Zusammenleben der Kinder mit den Erwachsenen in allen Verhältnissen — bildet ein« Entsittlichung heraus, der mau durch die bisherige Art der Wohlthätizkeit nur Vorschub leistet. Neben der Entartung gegen die Sittlichkeit geht die Ausschreitung gegen die Vorschriften der Religion augenscheinlich einher. ES kann daher nicht befremden, daß diese Menschen so vielfach dem Judenthume Schande bereiten und mit den Polizei- und Criminalbehörden in Conflikt kommen, wodurch sich auch die Thatsache leicht erklärt, wie unter den wenigen israelitischen Insassen der deutschen Straf- und Zuchthäuser verhältnismäßig so Viele polnischen oder russischen Ursprungs sind. Während die bedürftigen Personen oder Familien in Eueren Gemeinden ohne übermäßige Anstrengungen unterstützt werden könnten, weil sie über viel Orte vertheilt sind, sammeln sie sich hier'zu einem Strom, der unsere Gemeinden überschwemmt, und deren in Lumpen gehüllte Masse den Judenhaß herauSfordert, an welcher der Straßen-Pöbel sein Müthch.-n kühlt und nach welcher ein großer Theil der Bevölkerung die Juden überhaupt beurtheilt und daraus noch immer neue Nahrung zu HgH und Verachtung gegen uns zieht. Diese Uebelstände werden gefördert durch die so vielfach und vollständig diScretitirten Empfehlung S- und Bettelbriefe von Rabbinern und Vorständen in Rußland und Polen, gegen deren Inhalt man mit Recht bereits so mißtrauisch geworden ist, daß man sie mehr für Schutzbrief« der Faulheit als für Dokumente des Elends zu halten geneigt ist. Die Befürwortung der Unterstützung von Kranken zur Reise in Bäder würde wohl oft zu Herzen sprechen; aber man weiß, daß di: meisten dieser Kranken eben durch die Wanderschaft auf Bettelei, durch die Entbehrungen und Unbill der wechselnden Witterung ihre Gesundheit eingebüßt haben und einbüßen mußten; so daß nach einigen Jahren anfänglich gesunde Arme als Kranke wicderkehren. Diesem Uebel würde nur Vorschub geleistet durch den guten Glauben der deutschen Gemeinden, mit diesen Unterstützungen eine Wohlhat zu üben; nachdem aber der Jrrthum erkannt ist, werden Maßregeln dem Gemeindebund vorgeschlagen werden, um in Deutschland gleichmäßig ein anderes Verfahren eintrrten zu lassen. ' Bevor wir jedoch diese Vorlage an den Gemeinde« bund bringen, wollen wir an Euch, liebe Glauben»- brüder in Rußland und Polen, den Aufruf richten. „Erbarmt Euch der Unglücklichen und macht sie nicht noch unglücklicher durch Ausstellung Euerer Bettelbriefe! Stoßt Euere unglücklichen Mitbrüder nicht hinaus ins sichere moralische und physische Elend! — Greift ihnen unter die Arme, um sie einer nützlichen, bürgerlichen Existenz zuzuführen! Wir unsererseits wellen der Scheinwohlthätigkeit, dieser Verlockung zum Vagabondiren entsagen. Wohl wisicn wir, daß die Wohlhabenden unter Euch viele Opfer bringen und die Armen unterstützen; wohl wiss n wir, taß vou Seiten Euerer Gemeinden viele Anstalten für Unterstützung der Armen getroffen sind; aber Ihr werdet unS gestatten, Euch an daS Beispiel der deutschen Gemeinden zu erinnern, die seit mehreren Jahrzehnten den Kampf mit dem socialen Uebel, der Verarmung, dadurch geführt, daß sie die Ouellen d:S UebelS zu verstopfen bemüht waren und glücklich diese Aufgabe, die Wanderbettelei auS der eigenen Mitte zu bannen, gelöst haben. Die Wohlthätigkcit wurde planmäßig organisirt. Vor allem wurde dafür gesorgt, daß keine unwiffende, müssige Jugend heranwachse; Handwerker- und Gewerbe- Vereine wurden gebildet, um die Kinder der Armuth zu nützlicher Existenz zu erziehen; den arbeitsfähigen Erwachsenen wurde nach Möglichkeit Arbeit verschafft. — ES wurden Darlehenskassen errichtet, auS welchen zur rechten Zeit mit Wenigem Anfängern in ihrem Geschäfte Zurückzebendcn in würdiger Weise durch nicht beschämende Vorschüsse unter die Arme gegriffen wurde. Volksküchen wurdei^ errichtet, Waisenhäuser öffneten sich den Elternlosen, und edle Frauen beeiferten sich, Wittwen und arme Mädchen lohnende Arbeit, nützliche Beschäftigung rmd llnierstützung zu Unternehmungen zu gewähre». Gern iverden wir dagegen, wenn wir sehen, daß dieser unser Mahnruf Beherzigung findet, bei dem Gemeindebund befiirworten, nachdem die deutschen Thüren der Wanderbettelei geschlossen worden, einen entsprechenden Theil dieser Ersparniß Euern Institutionen als regelmäßige Beiträge zuzuwenden, um auf diese Weise den jüdischen Herzen, die mit Euerm Nochstande Mitgefühl haben, die Genugchuung zu gewähren, daß die Hilfe mit Erfolg geleistet werde. Auch gedenken wir Eure Anstrengungen zur lle»