Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 5.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433871--3649-4899859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 28 — ihm suchen, sind bereit» angeweht vom Geiste der Neuzeit. Dm strmg Orthodoxm, die allerdings in Dmtschland sehr selten sein mögen, ist der predigende Rabbiner bereit» von dem Pidestal herabgestiegen; er ist de» ihn umgebendm Geheimnißvollen mtÄeidet, da» ihn früher einhüllte und da» die alten Rabbinen sogar abhielt, dem gewöhnlichen, öffentlichm Gottesdienst beizuwohnm. — Die gemäßigten Liberalm suchen in de« Rabbinen fast nur dm Prediger, der sie beim G'tteSdienste erbauen und die religiösen Gemeindeinstitutionen im Stande erhalten soll. Wa» man sich da unter einer jüdischen RrligionSgemeinde denkt, i»i fast ebenso unklar, als da», wa» man sich unter dem Rabbinerberufe dmkt. Wa» diese Leute sonst noch vom Rakbinerberuf halten, ist nicht klar auSgespochen, weil sie oft gerade von dem Manne, der der Gemeinde eine Richtung geben soll, gewisiermaßen ein orthodoxe» Leben verlangen, während sie selbst sich von vielen Formen losgesagt haben, diese also nicht mehr für sich für verpflichtend halten, — und doch sollen sie für den Rabbiner verpflichtend sein. Eine traurige Inkonsequenz! Wir könnten noch von einer andem Richtung im Judenthume sprechen, die überhaupt alle» Jnteresse für da» religiöse Leben verloren hat. Für diese ist der Rabbiner eine Paradeperson bei Casualfällen. Mir fällt dabei ein sehr treffende» Wort bei» besten sich ein solche» Mitglied einer großen Gemeinde Süddeutschlands unlängst bediente. Er sagte: Sehen Sie, wenn man einen gewiegten Engländer fragte, warum man in seinem Lande einen König oder eine Königin habe, die doch eigentlich nichts zu beföhlen, nichts zu thun haben, nicht» selbstständig thun oder öffentlich sagen dürfen, so wird er sagen : Wir Engländer sind ein stolze» Volk; man soll im Auölande nicht von uns sagen: Diese reichen Engländer sind zu geizig, um einen König zu halten. Nein, wir wollen nichts sparen; wenn gleich unsere Königin nicht« zu sagen hat und nichts thun darf, so halten wir sie und zahlen sie doch. So ist e» bei un» mit einem Rabbiner. Wir brauchen ihn nicht; Er darf auch nicht» zu sagen habm; er kann zuweism seine — Thronreden halten, die doch nur eine Umschreibung besten sind, wa» wir wollen und thun, wa» wir gesagt haben wollen, oder wa» meinetwegen zur Ausfüllung einer msisstgen Stunde unserer Frauen dient. Man soll aber doch nicht sagen, daß unsere reiche Gemeinde da» Geld für einen Rabbiner sparen will." Da» sind die Meinungen, die über den Rabbinerberuf gang und gäbe sind. Ein andere» Wort ist in neuerer Zeit sehr oft ge- und mißbraucht worden und ist im Munde fast aller derjenigen, welche über Juden und Judmthum sprechen und schreiben; die Minner der verschiedensten Parteien sagen und wiederholen gleichmäßig: „Da» Judenthum kennt den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht." E» liegt viel Wahre» und Richtige» in diesem Worte. Dennoch ist e» vor Mißbrauch nicht sicher. Gestatte« Sie mir nun. meine laimhafte Meinung über die Aufgabe eine» Rabbiner» in der Gegenwart in diese» Blättern «iederzulegen. Vielleicht gelingt e» mir. andere Ansichten über diesen hocherhabenen Lebmsbemf zu verbreiten. Ich hoffe, damit vielleicht nur eine Anregung zu geben, dann werden Aidere da» bester sagen, können,, wa» ich bester sagen möchte, wenn ich könnte. Rabbiner heißt eigentlich „Lehrer" und ein Rabbiner ist vor Allem derLehrer der Religionsgemeinde, der Lehrerder Religion, die ja doch den eigentlichen Inhalt de» Leben» der Religionsgemeinde bildet. Wie hat er dies Lehramt zu verwalten? was hat er als Lehrer zu thun? Die gesammte fortschrittliche Richtung imJudenthume hat wohl Recht, wenn sie auf die Predigt ein bedmtende» Gewicht legt. Die Predigt ist und wird immer mehr den Mittelpunkt de» Gottesdienste» bilden. Und wenn das Gotteshaus diejenige Institution ist, die als die erste Lebensäußerung einer jeden jüdischen Religionsgemeinde der Gegenwart gelten kann, so ist die Funktion des Predigers die wichtigste in diesem Kreise. Die Predigt ist daS lebendige, fluktuirende, treibende Moment im Gotteshause und ich möchte sehr vor ihrer Unterschätzung warnen. Diejenigm, welche bei jeder Predigt kalt bleiben, sind überhaupt nicht zu erwärmen. Sie mögm immerhin sagen: „Was hat das Predigen in den jüdischen Gotteshäusern genützt? Sind ja doch die Synagogen immer leerer geworden; haben ja doch die Prediger den Verfall de» religiösen Lebens nicht verhüten können!" E» ist nicht wahr, was sie da sagen, so sehr e» auch den Schein der Wahrheit habm mag. Wer zur Predigt nicht von vornherein mit dem Vorbedachte geht, sein Herz von ihr dennoch abzuwenden, wird sich auch sagm könnm, wa» ein au» dem Herzen kommendes, lebendiges Wort in den Herzen fruchten kann. Die Predigt kann, wenn sie ist, wie sse sein soll, unser Gemüth beruhigen und zu Gott führen. Sie läßt un» unsere Zusammengehörigkeit mit der Gesammtheit fühlbar werden, sie stärkt den Muthlosen, spornt uns an, nach dem Guten zu streben. Sie macht uns bekannt mit Allem, was es Großes und Erhebendes in unserer Religionsgeschichte und FruchtbringmdeS in Lehre und Gebot des JudenthumS gibt. Wer die Bedeutung der Predigt unterschätzt, muß dm Einfluß des zündmden Worte» auf anderen Lebensgebieten, wo e» doch so fmchtbar und manchmal so furchtbar wirkt, ebenfalls leugnen. Wisten wir aber nicht, daß ein ge-