Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 52 (27.12.1871)
- Date
- 1871-12-27
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
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331 Gegentheil um, daß es zuerst seine Gewissensfreiheit, nächst dieser aber nach längerem Kampfe auch seine Politische Unabhängigkeit, deren es seit Jahrhunderten verlustig gegangen, wieder errang. „Pfleget immerhin Rath, er soll vernichtet werden; treffet Verabredungen, sie sollen keinen Bestand haben; denn mit uns ist der Allmächtige" (Jes. 8, 10.) ist ein für alle Geängstigten trostreicher Zuruf des Propheten, aber noch weit umfaffcnder, weil positiver, mehr als er der edle Joseph nur entfernt geahnt, ist sein obiger Ausspruch: Ihr habt re.; denn gewiffermaßen ist darin der Complex alle» Waltens der göttlichen Vorsehung in der Menschengeschichte zusammengefaßt , das wohl ohne Zweifel am erhabensten und augenscheinlichsten dadurch sich kundgibt, daß es die Nathschläge der Bösen nicht nur -vereitelt und zerstört, sondern aus ihrem Schlamm und Moder eine Saat des Segens und der Fruchtbarkeit für die Befferen hervorsprießen läßt. Und daß dem in der That so sei, erweist schon ein flüchtiger Blick auf die israelitische und universale Geschichte unumstößlich. Pharao*» kannibalischer Befehl, die neugeborenen israelitischen Knaben dem Waffertode prciszugebcn, brachte den zum Retter JSrael's aus dem egyptischen Sclavcnhause Ausersehencn an den königlichen Hof, daß er da für seinen erhabenen Lebensberuf die nöthige geistige Vorbildung erlange. Sichon' und Og's Widerstand gegen - den Durchzug Jsracl'S' durch ihre Länder brachte diese in den Besitz jenes. Der Fluch im Herzen Bileam's ward in seinem Munde zum Segen Israel'» und zur Verherrlichung des Ewigen, deffen Allmacht ihn zwang, statt jenes diesen wider Willen begcistcrungSvoll auszusprechen. Haman'S Verderb cnschwangcrer Plan führte mit seinem Untergänge Mordcchai's und JSrael's Erhöhung und Beglückung herbei. (Esther 1.; Purim vom Wechsel der Loose.) Desgleichen, wie oben schon besprochen, der Rathschluß der Antiochus EpiphancS. Und in den finsteren Jahrhunderten mittelalterlicher Barbarei festigten eben die Verfolgung und die Gesetze der Ausschließung JSrael's von allen Rechten und Freiheiten, welche cs vernichten oder seiner Religion obwendig machen sollten, desto mehr seine Anhänglichkeit an und Aufopferungsfähigkeit für letztere. — Und wie in der Geschichte Israel'», so ist es hundertfach in den Annalen der allgemeinen Weltgeschichte zu lesen, wie Gewalt und List der Starken gegen die Schwachen diesen am Ende zu größtem Heile gereichen. Ter Perser Unterjochungskriege gegen die Griechen brachten Hellas für die gesammte Menschheit segensreichste Geistesblüthe zur herrlichsten Reife. Die Kreuzzüge, ein Werk de« PapstthumS zur factischcn Bewährung und ewigen Befestigung seiner Herrschaft über Fürsten und Völker, die seinem Rufe und Winke blindlings Folge leisteten, sie wurden durch die andauernde lebhafte Eonnexion des OccidcntS mit dem Orient, durch die Kenntniß neuer Länder sowie derm Sitten und Erzeugniffe, und durch die fomit eröffneten Handelsbeziehungen jc. ein mächtiger Gührungsstoff für neue Ideen und Anschauungen und dadurch ein wesentlicher Hebel zur Emancipation von geistlicher Tyrannei, die zwar heute noch immer ihre Minen kühn anlegt, um die Errungenschaften der Civilisation in die Luft zu sprengen, aber augenscheinlich nur, um sich selbst allen Boden zu entziehen und jenen in gleichem Maaße die Bahn frei zu. machen. Habsburgische Herrschsucht wollte dem Frcimuth der biederen Schweizer und^der Gewiffcnsfreiheit der aufstrebenden Niederländer schmachvolle Fcffeln anlegen; doch muthig ward ihr Joch zerbrochen, indem beide Rationen nach Makkabäerart ihre Banner mächtig flattern ließen und ihrer Dränger Macht dabei so gewaltig erschütterten, daß sie mehr und mehr von ihrer Höhe herabsankcn. Und wem ingleichen anders als dem Ucbcrmuth der Franzosen, ihrer Ruhm- und Eroberungssucht, hat daS deutsche, vorma^S in Hunderte, heut noch in nahezu dreißig Staaten und Ländchen gctheilte Vaterland seine Einigung zu einem in Macht und Freiheit glorreich sich entfaltenden Reiche zu verdanken? Zu Anfang des Jahrhunderts von ihrem, für unüberwindlich gehaltenen Cäsar zu Boden getreten, hat es sich seit dieser Roth gerade ermannt, ist sich seinermoralischen und materiellen Kraft immer mehr bewußt worden, und hat neuerdings, freventlich von ihnen provocirt, in schweren« aber desto rühm- und sieg-