Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 51 (20.12.1871)
- Date
- 1871-12-20
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 zeichnen, in welcher sich ein großer Theil unserer Kollegen fast aussichtslos befindet. Zu der beschränktesten materiellen Lage, wie sie kein geistig und körperlich gesunder Mensch in unserer Zeit erträglich finden würde, kommt bei vielen noch die unwürdige, von dem Zufall und der Willkühr der Gemeinden und ihrer Vertreter abhängige Stellung, die Verkümmerung und Vernachlässigung^ insbesondere bei den sogenannten Religionslehrern. Diese Gleichgültigkeit und Verkümmerung beginnt beim Eintritt in das anerkannt schwierige und verantwortungsvolle Amt; sie setzt sich fort bis zum einsamen, traurigen Alter. Tie Lehrer-Bildungsanstalten können wegen der Unzulängigkeit der Mittel nicht leisten, was sie sollten; für Stipendien ist nicht hinreichend gesorgt; und aus Mangel an gehörig vorgebildeten Lehrern greifen die Gemeinden oft zu Subjekten, die näher zu schildern hier nicht nöthig sein dürfte. Dadurch wird die Achtung vor denn Lehrerstande untergraben und die Zersetzung desselben vorbereitet und unterstützt. Wenn aber der in seinem Amte für das Heil der Gemeinde und der ähm anbefohlencn Jugend wirkende Lehrer nach einer Reihe von Zähren der Sorge und der Arbeit die Tage des Alters herannahcn sieht, da füllt sich sein Herz mit Bitterkeit und sein Auge mit Thränen. Wie verlassen steht er da! Kein Ehrensold versüßt ihm die Tage dcr Ruhe im Alter; das Elend ist sein Loos, denn das, was durch das Zusammenwirken der Lehrer in Vereinigungen für die Pensionirung derselben geschieht, kann unmöglich über das Maas einer immerhin kümmerlichen Unterstützung hinausgehen. Wo er das Recht zu fordern hätte, da bietet man ihm Almosen! Auch in den Ländern, in welchen in früheren Jahren die Regierungen für die jüdischen Religions lehrer sorgten und öffentliche Schulen gründeten, bereitet sich eine Veränderung der Sachlage vor oder ist bereits eingctreten. Ter Grundsatz der Neuzeit: Trennung des Staates von der Kirche, wenn auch an und für sich gerecht und heilsam, wird bald alle jüdischen Lehrer aller Drt e n gleich hülflos machen. Sollen wir also thatlos und müßig zusehen, wie das Verderben in unserer Mitte einreißt und Alles verwüstet? Sollenwir längerdie Unglücklichsten und Rechtlose st en der menschlichen Gesellschaft bleiben, während auch der ärmste Arbeiter durch Zusammenwirken mit seinen Genossen, in Vereinigungen, durch Selb st hülfe seine Stellung zu verbessern sucht? Sollten wir nicht das auch zu Stande bringen, was doch Alle konnten? Sollte unser Muth und unsere Strebkraft i nicht gleich sein dem des bescheidenen Fabrikarbei- ' ters und des Handwerksgehülfen? Sollten wir die , tüchtigeren Lehrer verkümmern und nach und nach aus st erben lassen und zusehen, wie sie von unwürdigen Subjekten besiegt und zur Seite geschoben werden? zu sehen, wie die Schule, das Heil unserer Zukunft, unwürdigen, eingcwanderten Ignoranten überantwortet wird? Sollten wir, wenn wir gemeinsam und einträchtig vorgehen, nicht er- I ringen, was unser Recht, unser angebornes Menschenrecht ist: eine gesicherte, erträgliche und des hehren Berufes würdige Stellung im Leben, auskömmliche Besoldungen, Fürsorge für unser Alter und für unsere Wittwen und Waisen, tüchtige Vorbildung für unsere N achfolger und dadurch Fernehaltung unwürdiger Subjekte, Befreiung von der drückenden Sorge, willkürlich von seiner Stellung entfernt zu werden, und was noch mit dem erniedrigenden Vertragswesen zusammenhängt? Wir verweisen auf die Volksschullehrervercine! Was in den letzten Jahren für die Verbesserung der, Polksschulverhältnisie Segensreiches angestrebt und durchgeführt wurde; es ist sicher zumeist durch das einträchtige Zusammengehen in, diesen Vereinen gefördert und vollbracht worden. Auch wir werden siegen! Auch uns wird es gelingen, wenn wir uns an einander schließen, wenn wir Glied ap. Glied und in Eintracht fest und muthig vorangehen zur Erkämpfung unseres Rechtes! Es ist traurig, daß es nicht schon längst geschehen! Aber nocki ist es Zeit. Darum fest und muthig ans Werk. ycn' pn " . Der Lehrervcrein wird und soll kein Parteivcrein sein. Er (und sein Lrgan) werden dem rcli-! giösen Zwiste in Israel vollkommen fern bleiben. Er wird nur das Eine im Auge haben, was seine Aufgabe ist. Auf denn, israelitische Lehrer in Deutschland, schließt Euch der Gesammtheir an! Tie materiellen Lpser, die von Euch gefordert werden, sind äußerst gering und unbedeutend. Aber Eure geistige Kraft, insbesondere aber Euer Herz und Euren guten Willen brauchen wir ganz! So kommt denn, Alle, Alle! Einheit, Eintracht" macht stark! Die Unterzeichneten bilden vorläufig den provi- , sorischen Vorstand bis zur nächsten Telegirtenver-