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Der israelitische Lehrer · 1871-11-29 · 48 (29.11.1871) · p. Seite 314

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
48 (29.11.1871)
Date
1871-11-29
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 I. Eharacier und Religiosität.! „Cognosce te ipsum.“ Erkenne dich selbst, so! heißt jenes Zauberwort der Alten, welches dem Erzieher und Bildner der Jugend vor der Seele schweben muß, wenn er guten und wirksamen Erfolg von seinem Unterrichten und Lehren sehen will; denn ohne diese Erkenntnis seines eigenen Ich«, ohne diesen Zauberspiegel seines eigenen Herzens und CharacterS kann beim besten Willen und Wol- > len vom wirksamen und heilbringenden Unterrichte j nicht die Rede sein. Nur derjenige, welcher durch- . drungen ist von Gottes heiliger Lehre, - welchem > „die Tugend nicht ist leerer Wahn, sondern der sie! auch übet im Lebens dessen Geist erhellet ist durch das Gesetz: daß er geschöpfet habe von dem so erquickenden und heilsamen Born des Lebens, besten Quellen nie verstopfet und besten Waster nie versiegen. kann Erzieher und Bildner der Jugend im eigentlichen Sinne des Wortes werden und Ansprüche machen auf den sp herrlichen Namen: „treuer Arbeiter im Weinberge des Herrn Zebaoth." — Sein Auge muß glänzen in wahrer Begeisterung für Gott und seine heilige Lehre, wenn er vor seine unschuldige Kinderschaar tritt'; das „Pflänzlein der unschuldigen Jugend" muß es ihm ansehen können, daß er so spricht, wie er denkt, so handelt, wie er lehret. Um Gottes Willen, nur keine Zwittergestalten, nur kein egoistisches Umherschweifcn von verstellter Frömmigkeit zum Jndifferentismus, von erheuchelter Moralität zum häßlichen Materialismus und Neologismus: „Was du sein willst, das sei ganz; sei nur nichts halb, Ergänzen, welche Pein." — (Göthe) „Daß Religion du verstehst, ist nicht genug; geläufig muß sie dir sein, dann übst du sie mit Fug" — > sagt der wackere Ofinger von Nausis. Und, lieber j Bruder, „hättest du Menschen- oder Engelzungen! und dir fehlte beim Unterrichte in der Religion die j Liebe," die Liebe zu Gott, die Liebe.zur Religion,! die Liebe zur Welt und deiner Kinderschaar, so wäre! dein Unterricht zu vergleichen einem tobten Schellen-! klänge, einem Instrumente, besten Saiten gesprungen | — mit einem Worte einen „Tohu Wawohu." II. Bildung. „Wir streiten heute nicht mehr über den Werth der Bildung überhaupt! Durch sie erreicht der Mensch nach Möglichkeit seine menschliche Bildung, der eine mehr, der andere weniger. Ohne Bildung beherrscht den Menschen Rohheit und Unkultur, und er bringt nur solche Früchte hervor, wie der Holzapselstrauch im Vergleich mit dem durch Kultur veredelten Obstbaume. Wer daher im Allgemeinen den Werth der menschlichen Bildung leugnet, den widerlegen wir nicht mehr, sondern wir lasten ihn stehen und gehen an ihm vorüber. Was nützt der Versuch, Mohrm weiß zu waschen!" Wenn die Worte dieses Pädagogen schon im Allgemeinen auf jeden Menschen anzuwenden sind, ohne Unterschied des Standes und der Confessio», um wie viel mehr müssen dieselben erst auf einen Lehrer paffen, der nach der Ansicht Aller nicht allein selbst tüchtig gebildet sein, sondern auch auf andere unschuldige und unsterbliche Wesen, wie er selbst, belehrend und bildend einwirken soll — und nur Da«, was man selbst gehörig und gut kennt und weiß, kann man auch gründlich und gut unterrichten. Es hieße wahrlich Eulen nach Athen tragen und Geheimräthe nach Berlin, wenn man dem israel. Lehrer nicht, wie leider früher oftmals geschehen, auch einen hohen Grad von Bildung und Wissen zuerkcnnen wollte. „Bildung macht stark und frei" — und befähigt ihn erst, auf die ihm untergebenen Wesen ersprießlich und heilsam einzuwirken. Eigentlich wäre cS vergebliche Mühe und hieße es um des Kaisers Bart d. i. umsonst streiten, wenn man darüber diScutiren wolle, was der Lehrer können und verstehen solle — denn das ist Sache der PrüfungScommisfionen und Schulbehörden — wenn nicht in verschiedenm Ländern und Semi« narien die Ansprüche an denselben so verschieden wären, wie Tag und Nacht, Nord und Ost, Süd und West. In diesem Seminare soll er bald ein „von plus ultra" im „Talmud und dessen Commentaren," in einem nndcrn wieder ein „Heros im Erklären der Piutim und Kinoth" werden; in diesem Ländchcn soll er mehr „Naturfor'cher," in einem andern wiederum „Philologe" sein; in dieser Anstalt streicht der Herr Director fast alles Hebräische vom Programm, in einer andern wiederum glaubt man, es hänge Heil und Seligkeit davon ab, wenn die Seminaristen den „Schulchan aruch" fast wörtlich auswendig kennen, kurz, wer vermag die Fakten alle aufzuzählen! — Da aber der Satz unserer Alten : „Non omni» PV88UMU8 oinneo" auch heute noch auf den Lehrer seine Anwendung findet, so sei e« uns vergönnt, an dieser Stelle unsere unmaßgebliche Ansicht hierüber zu äußern. Ein Handwerker, um mich bildlich auszudrücken, muß, so er einen jungen Menschen" ausbilden will, natürlich sein Handwerk recht gut verstehen, wenn der junge Mann etwas von ihm profiitiren soll, ebenso ist'S in einem noch höhern Grade beim Kaufmann und Fabrikanten der Fall. Alle diese müssen die Welt gesehen

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