Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 35 (30.8.1871)
- Date
- 1871-08-30
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
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2o2 unb Chedarwesen mit einem modernen Mantel umhüllen, und so längst Verwestes zu restruriren nnb zeitgemäß zu macken vorgeben. Zeitgemäß ist nur da-, was mit dem ganzen warmen Leben der Gegenwart, mit der im Puffe begriffenen Entwicklung im Einklang steht. Zeitgemäß sind nicht „übertünchte Gräber. " ES ist ichon lange her, daß da« Zudenthum au« seiner Jsolirung wiever heraus getreten ist, und Theil nimmt an dem reichen Leben, an der Bildung und Fortentwicklung der Menschheit, zu der eS einen der bedeuteilvsten Grundsteine legte; an dem Werden der Geschichte, ans deren ernstesten folgewichtigsten Blättern sein Name, manchmal mit Blut geschrieben dworden; daß eS mitbauen hilft an dem Tempel der Menschheit, deren Einigung uad Verbrüderung, deffen Priester (Aron) es werden wird, wie es deffen Prophet uns Verkündiger (Moses, Jesaias) war. So muß eS siL — seine Lehre und sein Leb-n — durchdringen laffen von dem Geiste cher in stetiger Entwicklung sich bewegenden gebildeten Menschheit, und hat eS zum Theil schon gethan. ES ist wieder einer deren Faktoren geworden. Uad der würde ein Verbrecher sein an dem ewigen Geiste deS Judenthums, der e« aus dieser Entwicklung zurückdrängen, unb der auch der jüdischenWiffenschaft oder nur einer jüdischen Schule ein „bte Wiffenschaft muß umkehren" zurufen wollte. ES würde ihm wohl nur höchstes bei einem winzig kleinen Theile der i«r. ReligionSgenoffen, und auf winzig Keiner Z itdauer gelingen; denn wo. wie im Zudenthume, einmal eine Zeit war kräftiger Blüthe, die den Sturm überstanden, da werden auch die Früchte sich nicht zurückdrängen laffen, die der Reife entgegenwachsen. E« ist wohl nicht mehr möglich, Augen und Ohren zu verschließen vor dem Flügelschlage der Zeit, des kräftigen gefunden Lebens, da« die Gegenwart uns bietet, und das den Menscheogeist in seiner Totalität erfaßt. Es hilft nichts, die Augen zu verschließen und zu sagen: „ich sehe kein Licht!" Das Licht ist doch vorhanden, wenn seine Strahlen einem geschloffenen Auge auch verloren gehen; Milliarden Augen sehen e«, und jauckzen seinem Strahle entgegen. ES ist wahrlich nicht »ehr möglich, die iS- -raelitischen Schüler im Schulte vergangener Zeiten berumzuführen, uad zu ihnen zu sagen: „seht, da« ist die« arme Brod, daß Euch der Herr zur Speise bereitet hat, Ihr AuSerwählten de« Herrn! das sind die Bausteine Eurer Zukunft!" Und die e« dennoch wagen wollten, — deren Zahl ist leider neuerdings wieder etwas gewachsen — machen sich de« schlimmsten Verbrechen« schuldig, — sie verüben GeisteSmord. Lehrer, wähle, wenn du noch zu wählen vermagst. Do» pädagogischen Standpunkt, — und da« ist ja der einzige, den die Volksschule, welcher Coafesston j sie sich auch zuzähle, berücksichtigen kann — vom pädagogischen Standpunkts betrachtet, und weder Mlschna und Gemara, noch Poskim und Schulckan Aruch weder halachische noch agavische Schriften*) paffende Objecte für den Schulunterricht, weil sie der Erkenntnißkraft der Schüler nicht angemeffen sind, weil der in ihnen enthaltene Stoff nicht methodisch augeordnet werden und deßhalb weder erziehlich, noch geistbildend und veredelnd (und darum auch nicht religio«) wirken kann; weil sie dem Kindergeist der Natur dem warmen Leben, dem GotreSodem entziehen, weil sie sein religiöses Gefühl ertödten, eS zur lebendigen Mumie machen. Und doch hat man es gewagt, selbst in intelligenten Städten, unter der Leitung doctortter Rabbinea, solche Anstalten zu errichten, wo auf dem Studienplan« neue Sprachen neben Mischnah und Gemora Physik und Chemie neben Schulchan Aruch rc. rc. brüderlich zusammen figuriren, für 11 und 12jährige Knaben. ES ist eine Schmach: Arme zertretene Kinderseelen! — Löschender icht. Heilbronn, 10. Aug. Gestern tagten hier die isralitischen Lehrer und Vorsänger des Landes im Saale zum Württemb. Hof. ES erschien fast die Hälfte der Gesammtzahl und waren alle Gegenden Württemberg« vertreten. Der Vorstand, Haupt- und Waisenhauslehrer Liebmann von Eßlingen zeigte, anknüpfend an die jüngsten politischen Zeitereigniffe, wie Einigkeit stark mache und die Genossen des Stande« ermuntere, auf dem betretenen Wege auch ferner gemeinsam die unzertrennbaren Jntereffen der Schule uad der Lehrer zu fördern. Er zählte die Resultate auf, welch« durch den Verein und der Conferenz der iSrael. Lehrer bei den Kirchen- und Staatsbehörden schon erzielt worden seien und steckte die Ziele, ab deren Erreichung wir in nächster Zeit noch zu erstreben haben. Da« Hauptthema: „Ueber Ertheilung de« heräischen Schulunterricht«" wurde gründlich besprochen und in der Debatte die Fragen erörtert, warnm dieser Unterricht nothwendig sei, welche« Ziel er sich stecken müffe, und unter welchen Bedingungen und wie diese« zu erreichen wäre. — In den materiellen Fragen de» Stande« will man sich an die Tag« zuvor in Ludwigsburg in der Plenarversammlung de« allgemeinen DolkSschullehrervereinS. sowohl von den evangelischen al« den katholischen Lehrern, gefaßten Be- *) Mit denen allen sich der jüdische Geistlich« amtsgemSß wohl beschäftigen muß.