Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 33 (16.8.1871)
- Date
- 1871-08-16
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 — die Hände gegeben werden. isollte man kaum glauben, daß im menschlichen Kopfe sich so viele Zellen finden, die den gewonnenen Inhalt! in sich aufnehmcn. Ja, man ist um so mehr zu diesem Zweifel berechtigt, als man schon oft die Erfahrung gemacht, daß Leute, am Schluffe eines Buches stehend, kaum im Stande waren, den kurzen Inhalt des gelesenen Werkes wiederzugeben. Um nun nicht in dwse mißliche Lage zu kommen, um sich überhaupt den Besitz des Gelesenen zu sichern und rum Eigenthum zu machen. ist cs unumgänglich rwchwcndig, daß Ereerpte angelegt werdcir. Es muß das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Wichtigere vom Minderwichtigcn getrennt (was, nebenbei gesagt, keine der leichtesten Aufgaben ist) und so ein Gerippe hergestellt werden, wÄchem das Gepräge eines Ganzen aufgedrückt und derji nur nach Wunsch das schöpferische „Es werde" einc chaucht werden darf, um es in einen lebensfähigen Zutand zurück zu versetzen. Gerade wie in der Geometrie der Anblick einer Figur uns wieder den vcrgeff neu Lehrsatz und Beweis unwillkürlich wieder in das Gedächtniß zurückführt, in demselben Maße bewährt sich au ch die Wirkung einer solchen gefertigten Skizze. Bei jeder Gruppe treten,die einzelnen Schönheiten und ^o:::eiUe in den verschiedensten Schattirungen und Farben wieder hervor, die sich alsdann vor unfern Augen zu, einem Gemälde gestalten, das der Pinsel der Erinnermig trefflich gezeichnet hat. Dies ist jedoch nicht der^ alleinige Nutzen, den das Ercerpiren hat, sondern der Gärige, immerschaffende, nie rastende Geist des Menschen versteht es, auch zur gewonnenen Idee noch neue Jdten hinzuzugcsellen und'so ein Ganzes zu schaffen, das i» seiner Bollendung kaum mehr die Original-Idee erkennen läßt. - - (Schluß folgt.) Anser altes (Schlug.) Das Zudenthum? Es hat in dieser langen traurigen Zeit nur gelittm und geduldet. Seit die Toch. ter die Herrscherin der Welt giworden, wurde die Mutter verfolgt und tu das Ghetto eingepfercht. Tort hat efein Leben warm erhalten unter den gräßlichsten Zuckungen, unter den fürchterlichsten Leiden, Mar lern uud Berfolgungen. Dort htzt es herumgetragm, hat e« für sie erkannte, gelitten und geduldet. Was konnte das „die Schrift' die Wahrheit, mit sich wie eS arm«^-verfolgte, mebr thun? — Wobl kann es jetzt freiir sein Haupt erbeben — und eö tbut seine Pflichr. Die Wahrheit soll Herrscherin werden. dann ist die Zeit der Erfüllung da. Aber diese steten, auck bis beute noch fortwirkenden christlichen Ueberbebnngen — sie sind kein Zeugniß deS wahren FonschriitS. Wollen wir erkennen. was auch heute noch, in unserer Zeit, das alte Testament Allen sein kann und sein muß, so müsien wir einen stetigen Fortschritt der Menschheit anerkennen, der auch heute und noch lange nicht abgeschlosien ist. Das „ alte Testament" ist die Religionsgeschichte der Menschheit in ihren Anfängen, ist die Verklärung des McnschenthumS und der GotteSidee. Es führt uns Gott als den allmächtigen Schöpfer des Weltalls und in der Partriarckengkfchichte sittliche Lebensunv Familienbilder vor, in welchen Gott als . Schaddai", als „der Allmächtige" und „Einzige" erkannt wurde. Es führt uns das Bild des Volkes vor, in dem die Lebre vom einigen Gott, das Gebot Gottes, die Lehre von Neckt und Pflicht, die sittliche That. Gestalt erhalten, sich langsam entwickeln sollte, wo daS Heidnische und Barbarische sich versittlichen sollte, wo daS Opfer endlich übergehen sollte in daS Gebet, in die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit, wie d>eS die Propheten tausendfach andeuten. Und als das Gefäü zersprengt wurde, da vertheilten sich die Juden unter die Menschheit, kämpften mit, wo man rS ihnen möglich machte — so z. B. in den glücklichen Tagen Spaniers — für Cultur, Wissenschaft, Fortschritt; nnd erlitten an andern Orten und dur-d die vielen Jahrhunderte tausendfachen Tod für die Wahrheit, um die sie gemartert wurden. Still seufzend verpflanzten sie ins Innerste ihrer Wohnungen daS heilige Feuer der Sittlichkeit, der allgemeiuen Menschenliebe, denn die Lehre von der Einheit Gottes „schließt jede Ausschließung aus; in ihr liegt die Bürgschaft der Einheit und Einigung des Menschengeschlechts zu einem heiligen Bruderbünde'. Die Geschichte der Religion Israels ist die Geschickte des FortschreitenS dieser göttlichen Idee von der Verbrüderung der Menschheit, von der Humanität. So lange das Christenthum noch zugibt, daß seine eigenen Bekenner sich bekriegen, ist die Zeit der Erfüllung dieser Gotteslehre noch nicht gekommen, welche die Propheten verkündet haben in den erhabenen Worten „und eS werden umschmieden die Völker ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebmessern, und nicht mehr erlernen den Krieg. Der Mund des Ewigen hat es verkündigt." Wir halten fest am „alten* Testament und an der Lehre von der ewigen Fortentwickelung, der Menschheit bis — das Reich der Bruderliebe kommt, das