Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 31 (2.8.1871)
- Date
- 1871-08-02
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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— 245 — chem die Schrift spricht — und er meinte damit doch die Bibel der Juden. Man hat dies Volk mit Schmerzen überhäuft, von Land zu Land gejagt und die Geschichte kennt kein zweites Beispiel einer solchen martervollm Volksexistenz und immer hatten die Bedrücker die Bibel der Juden dabei in der Hand. Die Grundlage ihrer religiösen Bildung war die Bibel. Diese Bibel — sie schuf neue Culturvölker und alle Gesetze ruhen auf dem ewigen Urgrund der zehn Worte vom Sinai, die alles Wesentliche enthalten, was als Gebot Gottes allen Menschen heilig ist. Die Cultur läßt sich nicht täuschen und bestechen: warum ist eS nicht das Wort des ägyptischen Philosophen Psamnon, von dem Herr R. spricht, warum sind e» nicht die Literaturen der griechischen und römischen Völker, warum sind es nicht Ihre Eddalieder, Herr R., die so ins Herz des Volks, — der Völker — gedrungen? DaS ist nichts Anderes, als weil nur die Bibel sich fast ausschließlich mit dem Ewigen und Unendlichen, mit dem Heiligsten und Erhabensten beschäftigt, was die Menschenwelt zu allen Zeiten erhält und bewegt, was die Grundlage aller Bildung und alles Fortschrittes ist: mit der Religion. DaS aber ist nur der Geist der Bibel, der ewig ist und sich zu allen Zeiten als unantastbar herausstellt. Das Wort der Bibel aber ist nur der zeitliche Ausdruck — er kann ge- und mißdeutet werden, wie Sie, Herr R., beweisen. Ja, es ist ein Fortschritt sichtbar in der Schrift selbst. Ja, es gibt Ausdrücke in derselben, die in unserer Zeit wohl anders gefaßt würden. Aber im neuen Testament? Ist es da anders? Abgesehen davon, daß die Evangelien durchaus nicht übereinstimmen, ist auch kein wahrhaftiges und großes Wort und kein Satz in dem neuen Testamente, dessen Grundlage nicht in dem alten gegeben wäre. Enthält jenes nicht auch Ausdrücke, Worte und Sätze, die unseren relgiösen Anschaungen ebenso sehr wiederstreiten, als einzelne Worte und Sätze des alten Testaments? Sie sagen: Gott befiehlt dem Abraham, seinen eigenen Sohn zu opfern. Wären Sie ein Kenner des hebräischen Urtextes, so würde ich Ihnen beweisen, daß dieser Befehl nicht strikte als von Gott ausgehend gedeutet werden kann. Aber lehrt nicht Jh re Kirch e, daß Gottes eigner Sohn den Kreuzestod erleidenmußte, umdieMenschheit zu erlösen? Daß dieser „Gottessohn*, zwar selbst Gott, gestorben, begraben, wieder auferstehen mußte, um der Menschheit die Erlösung zubringen; ist dies nicht sogar die Basis Ihrer Kirchenlehre, die Mission des Welterlösers nach der Anschauung der Mehrheit strenggläubiger Christen? Ist eS denn nicht gar der Angelpunkt, um den sich das ganze neue Testament dreht? Stimmt wohl dies bester zu den Ueberzeugungen der Gegenwart von der Wesenheit Gottes? Stimmt eS etwa mehr zu unserer Anschauung vom Wesender Religion? Merkwürdig, die Juden haben tausendfachen Tod erleiden müssen wegen diese» historisch anfechtbaren Ereigniste», und doch würde die Christuslehre den einen grundlegenden Glaubenssatz nicht haben, wenn die Juden Christum nicht gekreuzigt haben sollten I DaS alberne Mährchen von der Beftehlung der Aegypter läßt sich am besten durch den Urtheilsspruch eines sagenhaften ägyptischen König» aus der Zeit des zweiten Tempel« wiederlegen. Damals kamen die Aegypter zum Könige und forderten von ihm, daß er den Juden befehle, die gestohlenen Sachen zurückzugeben. Da machten die Juden Gegeurechnung für die vierhund ertjährigeSklavendienstevon mehreren Hunderttausenden von Israeliten. Der ägyptische König selbst mußte diese Rechnung anerkennen. Sie tasten das gerechte und große Wort GotteS im Dekalag an: „Ich, der Herr, Dein Gott, strafe daS Böse bis in das vierte und belohne das Gute bi» ins Tausende Glied." Heißt eS aber nicht im „neuen* Testament, II. Epistel St. Pauli an die Thestalonicher: I, 6: Nachdem eS rechtest bei Gott, zu vergelten Trübsal denen, die euch Trübsal anlegen: — 8, und mit Feuerflammen Rache zu geben über die, so Gott nicht erkennen und über die, so nicht Gehorsam sind dem Evangelio unsers Herrn Jesu Christi; 9, Welche werden Pein leiden, das ewige Verderben vor dem Angesichte des Herrn!" Ewig, ewige Rache sagt da» daü ne ue Testament, der Grund, auf dem Sie a u Sschließlich die Religion der ewigen Liebe, der Humanität auferbauen wollen? — Läßt sich etwas Grausenhafteres denken? Gibt es Etwas, was unserer Anschauung von der unendlichen Liebe GotteS mehr widerstrebt, als „ewige" Strafe, ewige Rache? Der Gott des alten Testaments" straft bis ins 4. Glied und belohnt bis ins T a u s e n d st e, der Gott des neuen Testaments straft, rächt, ewig! Wie erscheint hiergegen die Strafe bis inS 4. Glied? Und gibt eS dergleichen im „alten* Testament? — Sie tadeln-den VerS: „So wird mein Zorn ergrimmen" 2. B- M. 22,23 ohne ihn ganz auszuschreiben. Run denn, ich will ihn ganz hierherstellen und ich behaupte, eS gibt keinen heiligeren, wahr« hafiigern Grundsatz in der ganzen hl. Schrift; keinen Satz, der alle Ihre Sophismen vom Racheqott und Volks» gott mehr umstößt; keinen edleren, wahreren, dem Leben, wie es ist, entsprechenderen Satz al» gerade diesen, den Sie wohlweislich nicht ausschreiben; es heißt! da: „Dm Fremdling sollst Du nicht 'peinigen. uno nicht unterdrücken, denn Ihr wäret Fremdlinge im | Lande Egypten! Auch jede Wittwe und Waise sollt