Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 31 (2.8.1871)
- Date
- 1871-08-02
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 244 — eine Replik des Herrn Herold. Ich erklärtes später die angeregte Frage „vom »llgemeinen Standpunkte auS" besprechen zu wollen. Aber ich bin als Lehrer und als Herausgeber des „Israelitischen Lehrer" nicht Herr meiner Zeit; und, offen gestanden, eS widerstrebte mir, in diesen der PL »agogik gewidmeten Blättern nochmals einen Gegenstand zur Sprache zu bringen. der doch eigentlich nicht hierhergehört und der in seinen Schlußfolgerungen dem Einen oder dem Andern wehe thut, da er seiner religiösen Ueberzeugung zu nahe tritt. Ich unterließ die Antwort, da W. Herold unterdessen auch ein Opfer des Kri!ges gegen Frankreich geworden. Er war ein freidenke! wer, hochstrebender, junger Lehrer. Friede seiner As he. Noch kennen wir die Wunden nicht, die der Krie< auch dem Lehrerstande geschlagen. Wir wiffen nicht, wie sehr uns Einigkeit Noth thut. Warum sollm also Lehrer religiösen Zwist in pädagogischen Vlätterm anfachen? Zn Nr. 15 d. I., nach Ablauf zweier Jahre, greift ein Herr Rothenburg den alten Streit unter obiger Aufschrift wieder auf, und zwar nennt er dabei mehrmals meinen Namen. Zch muß nun reden. Ich werde mich wohl nickt einla sen in die Bekämpfung der ungründlichen, aber hoch philosophischen Deduktionen und Citaten, die Herr Rothenburg kunterbunt zusammenträgt. Dazu reicht nein bescheidenes Wiffen als einfacher Volkslehrer nicht hin. WaS sollen auch die Scherben aus Schmidt, Schultz-Schultzenstein u. A. i Der das „alte Testament" — das Herr R. sonderbarer Weise „unser" nennt, während er eS perhorreScirt — beurtheilen und bekäi rpfen will, muß e S s e l b st kennen und in seiner Ursprac \t und historischen Entwicklung verstehen. . — Vor allem fragen wir: Auf welchem religiösen Standpunkte steht denn Herr Rothenburg? Steht er auf positiv-christlichem Stand >unkt, ist ihm jeder Ausspruch, jedes Wort des „neuest" Testaments heilig und unantastbar? Kennt er keine der historischen Entwicklung Allegorien als berechtigt an. Kritik, keine Ansicht von von Fälschungen und so muß ihm auch das ,alte" Testament ebenso unantastbar sein. Ist ihm jenes, auch dem Worte göttliche Offenbarung, das „Wort GotteS" im «igent er sich selbst, wenn er bezieht sich daS neue Telich seine Fortsetzung und lichen Sinne, so widerspricht dieses antastet, denn überall stament auf das alte, nennt Vollendung, und JrsaiaS, J^emiaS. und David sind die Verkündiger Jffu'S, die streng positive Grundlage seiner Wirksamkeit, seiner m ssianischen Aufgabe nach der Kirchelehre. WaS soll als > auf dieser Grundlage der Streit und daS Hervorheben l ineS Gegensatzes zwischen .altem" und .neuem" Testao ent? Da ist jedes Wort derj ganze» Bibel heilig, nach, unmittelbare unfehlbar, des selbstgesprochene Gotteswort und Herr R. kann nichts daran deuteln; er kann nichts dazu thun und nichts davon nehmen. WaS aber ist uns die Bibel? Die Bibel ist für uns eine heilige Offenbarung des ewigen und unendlichen Gottesgeistes; sie ist das Wort Gotte«, indem sie daS Wort gottbegeisterter Menschen ist, die für ihre ebenso tiefe als erhabene Auffassung des religiös-sittlichen Lebens, für ihr« heiligsten Üeberzeugungen von Gott, Religion, Vorsehung und Welttegierung den Ausdruck suchtm und fanden und al« Lehrer ihre« Volkes auch für die nachfolgenden Generationen und für die gesammte Menschheit durch die Schrift wirkten. Die Erzählungen in der heiligen Schrift sind die Geschichte der religiösen Entwicklung bis zu einem gewissenZeitpunkte, bis zu welchem wohl die Bibel, aber durchaus nicht die religiöse Entwicklung abgeschlossen war. Für das vorurtheilsfreie Forscherauge ist Fort- und zeitweise auch Rückschritt in der religiösen Eniwicklung auch in der Bibel erkennbar. Die Propheten und gottbegeisterten Männer der Bibel sind unS Sendboten Gottes; das sind jedoch auch die Kräfte der Natur, und die großen und edlen Männer aller Völker und Zeiten, welche veredelnd wirkten auf die gesammte Menschheit. WaS sie — die Propheten — lehrten, war au« Gott und führte zu Gott hin. Aber die Worte, die einzelnen Bilder, die Ausdrücke, so sie anwendeten, gehörten ihnen und theilweise auch denen an, die ihre Reden nach der Ueberlieferung niederschrieben. Die Propheten und Versaffer der heiligen Schriften mußten so ihrer Zeit und_ihrem Volke Begriffe und Sprache entlehnen, Bild«r anwenden, die dem Geiste der Zeit angemessen waren. Sie mußten den thatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragen und so der heiligen Aufgabe dienen, die sie allein im Auge hatten: der religiös-sittlichen Erhebung ihres Volkes und in dessen Verfolg der Menschheit. WaS unterscheidet dennoch daS „Wort GotteS", die „Bibel", von allen übrigen Schriften aller Zeiten und Völker? Was hat sie erhalten unter all den Stürmen der Welt, von welchen die Geschichte der Menschheit erzählt? Woher die hohe Bedeutung dieser Schriften des armen, kleinen und so lange und so vielfach unterdrückten Völkchens? Die Bibel ist daS Buch der Welt. Sie hat die Menschheit überall hin bekleidet, wo die Cultur ihren Fuß hinsetzte. Man hat das Vclk, das sie erzeugt hatte, seit 1800 Jahren gemartert, gefoltert, verbrannt und ins Waffer gestürzt im Namen der heiligen Kirche und der unfehlba ren Jnquisiti o n, im Namen Jesu, deS Begründers der Religion, der man das Prädicat der „Religion der Liebe" ausschließlich zuerkennen will, wie Sie, Herr R. sagen; im Namen Jesu, der da sagte: Ich bin der Verheißene, von wel-