Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1871-07-12 · 28 (12.7.1871) · p. Seite 220

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
28 (12.7.1871)
Date
1871-07-12
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4896751-5428704-5433812--3474-4899715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

220 — raelitrn damals beim Auszug aus Aegypten, als» vor länger als 3000 Jahren, sie würden sich wahrlich nicht mit einigen Geschenke« begnügt haben, sie würden vielleicht heute noch nur unter Senge« und Brennen den Boden der Barbarei verlassen haben. Die halsstarrigen, gottlosen Israeliten, wie der sanfte, lirbdnrchdrungene R. un» heute noch •) zu nennen beehrt, haben sich mit einigen lumpigen'Geschenken begnügt, weil sie für ihre mehrhundertjährigen Dienste nicht leer auSgehen sollten und wollten. Doch, wa« Hilst jede Wiederlegung diese» unsinnigen Geschwätzes, es hieß« dies ja mißlich .Eulen nach Athen tragen." Die Welt und die Schulmeisterwelt bedarf der Prügeljungeu, und wen könnte man dazu bester benutzen als die Juden? Sie dienen ja schon Jahrtausende als solche, darin besteht ja der Vorzug deS „auSerwählten Volks/' Sich der Juden al» Spaßvögel und als Zielschiebe de» Spottes und Witze» zu bedienen, ist ein leichter Spaß, ein alter Brauch, darauf schmeckt immer ein frischer herzhafter Trunk. Wenn man doch endlich bedenken möchte, daß Mose» seinem Volke nicht bloß einen religiösen, sorweru auch einen bürgerlichen Kodex gegeben, der für eia ganzes staatliche» Leben aasreichen soll e, und daß dieser letztere Theil seine Geltung und Wirksamkeit mit dem Aufhören deS jüdischen StaatSlebrnS v rloren hat, dann würde man wahrlich nicht so oft auf solch absurde Urthcile stoßen, die ja so tausendfach und gründlich widerlegt sind. Wie aber gesagt, auf Juden und Judenthum zu schimpfen, da» ist ein billiges Handwerk sogar gelehrter und frommer Christen, dazu sind wir nun einmal da» auserwählte Volk. Was die angeführten Autoren deS Herrn R. anlangt, so gab e« schon tausendfach größere Gelehrte, die ihrem Judenhaß in jeder Weise Lust zu wachen suchten. Ich denke ganz anders: Wenn der Christ blos nach dem Inhalt der Bergpredigt, der Jude bloS nach dem Inhalt des 15. Psalm und nach der kurzen Lehre de» Propheten Micha (ES ist dir gesagt, o Mensch, waS gut ist und waS der Ewige von dir fordert: Recht und Liebe üben und bescheiden wandeln vor deinem Gotte) lebt, dann können beide GlaubrnSrichtungtn ohne den fortwährenden unseligen Kampf ihren weiteren Gang durch daS Leben nehmen und dereinst zu dem Richter kommen, der da» Leben und Streben der Menschen in den rechten Ring, d. h. zu der höheren Einheit wird gelangen lasten. Bis dahin empfehle ich mich dem Herrn R. mit der Versicherung, daß die Welt nicht daran verloren haben würde, wenn sein Manuskript statt zweier Jahre zwei Jahrhunderte in seinem Pulte liegen geblieben wäre. *) Wie würde es dem Herrn R. gefallen, wenn man ihn heute einen ungezogenen halsstarrigen Menschen nennen wollte, da ihm solches m der Schule wohl oft passirt? Seine, spätesten Nachkommen würden sich über solchen Fund gesteut und gewiß gesagt haben: Unser Ahne war doch ein einsichtiger nnd gelahrter Mann, aber da» war doch der klügste Streich, daß er seine Gelehrsamkeit für sich behalten hat. Zleöer Anschauungsunterricht und Sinuenöitdung. Von Joseph Oppenheim, Cantor und Lehrer zu Rodenberg in der Provinz Hessen. (Schluß.) Die Architektur liefert uns Gegenstände, welche den rohen Stoff zwar gefftig verklärten, aber noch zu viel an die rohen ungefügigen Mineralftücke erinnerten. Die Sculptur zeigte uns in ihren Formen den idealverkörperten Gerft. Zwar schmiegte sich der rohe Stoff schon mchr der durchgeisteten Form an, doch mchr that er nicht; seine Farbe behielt er, kaum ließ er seine Starrheit vergessen. Bei der Graphik angekommen, fanden wir den Stoff verflüchtet. Die Gegenstände der Graphik zeigten Darstellungen des Raumes, ohne doch' selbst dazu des Raumes zu bedürfen. Architektur, Sculptur und Graphik zeigen in stofflichen Mitteln den ideal verschönerten endlichen Geist, welcher noch an den Raum gebunden ist. Ihre Darstellungsweise konnte nur einen Moment auffasscn. Anders ist es bei den tonischen Künsten. Sie haben sich der Fesseln der Räumlichkeit entledigt und sind daher im Stande, fortdauemde GemüthSbewegungen, Empfindungen und Stimmungen dek Seele, übechaupt Zustände des nicht an Raum, sondern nur an Zeit gebundenen unendlichen, göttlichen Geistes darzustellen. Die Musik bedarf aber noch sinnlicher Darstellungsutittel, Holz und Metall, und spricht nur den sentimental innigen Geistesmenschen an und läßt den kalten Verstand unbewegt. Die Poesie darf beides von sich rühmen, sie spricht den sentimental innigen Geistesmenschen an, aber sie erregt auch den kalten Verstand, daß er sich in die ewigen Regionen der Güte und Liebe Gottes, der Unsterblichkeit und ewigen Ungetrenntheit vom Vater zu schwingen versteht. Die plastischen Künste sind der Ausdruck des idealverktätten Menschlichseeligen, die tonischen, Ausdruck des Göttlichgeisttgen. Jene wirken daher eine Erziehung und Schulung der göttlich-religiösen Anlagen und Kräfte des Men'chen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.