Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 28 (12.7.1871)
- Date
- 1871-07-12
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 218 — Wenn daher auch in diesem Augenblicke die Lecheili-ung auch eine sehr geringe zu sein scheint, so kann uns dcks nicht irre machen an dem hohen Berufe der Synode. Sie ' wird, sie muß das werden, wozu sie von der Vorsehung bestimmt irt, wenn die thatsächliche Loslösung vom religiösen Leben, wenn der Zerfall und die Auflösung nicht zu -bodenlosen »erden sollen. Sie ist der Ausdruck eines großen Gedankens, der in allen Institutionen der Gegenwart mehr und mehr hervortritt, ein Zeugniß von der alles beherrschenden Macht des Eulturlebens, das nicht am Festhalte» abgestorbener Formen und Gebräuche - die Pietät und Religion sucht und findet, sondern ut der kräftigen, hingebenden Geistes- und Herzensthätigkeit im Dienste Gottes, im Dienste des Wahren, Guten und Schönen. Ob der Weg. den die Synode bisher eingeschlagen hat. zum Ziele führt? Wir taffen hier eine Stelle aus einer so eben erschienenen Schr ft „Zur Synode." Ein Ruf an die israelitischen Gemeinden von Adv. Emil Lehmann, Gemeinde-Vorsteher in Dresden*) folgen, die mit anderen- Worten das ausspricht, was auch wir in unserem Artikel „Zur Synode" in Nr. 1 2 unserer Zeitschrift jüngsthin sagten: „Wenn rm Vorstehenden die große Summe von Fleiß. Geist, Scharfsinn, Wifien, Religiöfität und Hingebung, deren Ergebniß die „Referate" bilden, einer Prüfung vom Standpunkte des Nichtrabbinen, des Gemeindcmitglieds und Gemeindevertreters unterstellt worden. so wolle man nicht darin Tadelsucht und Voreingenommenheit, nicht Mangel an persönlicher Hochachtung und Verehrung, wie vor dein Stande, so vor den Personen der Herren Begutachter, sondern das Bestreben erblicken, das Interesse der Nichtrabbinen an der Synode zu bekunden, zu wecken, zu fördern. Allerdings find die rabbinischen Referate nicht allenthalben ftei von dem einseitig rabbinischen Standpunkte: „die Synagoge, das bin ich." Auf diesen Standpunkt werden unsere Rabbincn gedrängt, seit die Zahl von talmudisch gebildeten Nichtrabbinen schwindet und die talmudischen und altrabbinischen Quellen trotzdem noch immer unsere Grundlage» bleiben. Um Gefahren der Att zu entgehen, ist es nöchig, daß die Nichtrabbinen, daß die Gemeinden sich um und in die Synode schaaren. Dahin zu wirken, daß diese ein Mittelpunkt nicht blos der Rabbinen, sondern der gesummten gebildeten Juden werde, daß sie deren Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdrucke bringe, das ist der wesentliche Zweck dieser Blätter. Möchte es ihrem Verfasser gelingen, in alle Gemeinden hinein zu rufen: schickt Eure besten Männer zur Synode, helft dort, daß unser Judenthum uns werde und. unsere» Lindern und Kindeskindern bleibe, waS es'den Vätern war: ein liebes, theures Kleinod; daß wir ohne Selbsttäuschung und ohne Empfindelei, nicht blos an einzelnen Tagen und nicht nur in hergebrachter Weise, sondern aus Herzensdrang durch das ganze Leben, Tag für Tag uns begeistett fühlen als Juden, als Anhänger einer Religio», die Ausgangspunkt und Endziel der Humanität in, sich vereinigt. Dies zu erriugen und zu schalten, bedarf der edle Inhalt der zeitgemäßen Formen; sie zu schaffen undauszubllden, das Ist die Aufgabe dee Synode." Kann dir Wissenschaft, die Aulori äi auf dir Dauer siegen, wenn sie in Strömungen hineingerätb, welche dem warmen, frischen Leben entgegen sind? Wir glauben das nicht. Und wenn die Religion nicht mit dem Leben sich in ihren Formen fortentwickelt, wenn sie immer wieder auf ouv, D’pDis und stehen beibt, so wird sie schließlich neue o'J'i schaffen, über die da» Leben ebenso gut hinwegschreiten wird, wie über di« allen, weil sie den Idealen in der Menschenbrust, die immer lebensvolle und lebenSwarme Gestaltung anstreben, nickt entsprechen Da« ist nicht die Aufgabe der Synode und soll si: nicht sein: in dem alte» Wüste herum vühlen, um da ein Körnchen herauszufinden, an dem sich die Jetztlebendrn und Kommenden satt essen können; viel mehr wird ste das Ziel ihre« Bestrebens darin suchen, die Religion mit dem Leben zu versöhnen, Leranstallungeu zu verschaffen, 3n*r i3 -noy3 v'd!3' H3 sn, mit aller Pietät für das Herkömmliche, Lebensfähige, wahrhaft religiös Wirkende, mit aller F r i e d e n S l i e b « und mit dein vollen Bewußtsein , daß die Erhaltung der Einheit des Zudenthums heilige Pflicht ist, doch auch mit Entschiedenheit dem Gedanken Ausdruck gebend: Di« große Mehrheit der g genwärtig lebende» Juden ist auf der Bahn des Fortschritts bis zu dem Punkte angekommen, wo eS Roth thut, de» Anschauungen und Ueberzeugungcn Rechnung zu tragen und dem Leben zu geben, waS dem Leben gehört. Nicht schwankend und unsicher, wie „das Meer deS Talmuds" sondern fest und klar wie der Boden der Thora, der geschichtlichen Erfahrung und das Leben der Gegenwart sollen di« Institutionen der Religion sein. Dan» werden ste auch daS L-ben wieder gewinnen. Mit diesen Ueberzeugungen rüsten -wir uns zur Reise nach Augsburg; in diesem Sinne werden wir un« dort den Bestrebungen der Versammlung anschließen und in diesen Blättern ein getreues Referat bringen. *) Breslau, Schletter'sche Verlagsbuchhandlunst (H. Skutsch)?>/, Sgr. \