Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 28 (12.7.1871)
- Date
- 1871-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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er Kmelitiseke Aekrer Wochenschrift für die allgemeinen Angelegenheiten des Judenthums und insbesondere des israelitischen Lehrer st andeL Organ für de» Verein „Achawa." M 28. »«» in 3»« 1871. - 11. Jahrgang. Wöchentlich 1 Rümmer Vierteljährlicher «bonnenientdprrig 40kr. --- IN/r Sgr. «n,eigen ,« I «gr. die Petitzeile .Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Die zweite israelitische Synode. Nur wenige Tage trennen uns von dem Zeitpunkte, an welchem sich jüdische Männer in Augsburg versammeln werden, um das zu berathen. was dem Judenthum der Gegenwart Noch thut. Wenn unfern geehrten Lesern dieses Blatt in die Hand könimt. ist der Eröffnungstermin bereits vorüber und die wichtigsten Erötterungen werden Tagelang diejenigen beschästigen, welchen die Erhaltung, Regenerirung und Fortbildung des Judenchums heiliger Ernst ist. Was ist es denn, daß diesen Zeitpuntt zu einem so höchst wichtigen in der jüdischen Geschichte, diese Versammlungen so nochwendig macht? Blicken wir einen Augenblick zurück auf die Geschichte der letzten hundett Jahre. Die Israeliten waren ausgeschloffen vom Leben der Gesammtheit und schloffen sich selbst aus. Eingepfercht in ihre Judenstraße lebten fie ein ausschließlich jüdisches Leben; die Religion allein gab ihm sein Gepräge. Das Haus und die häuslichen Sitten, die Wissenschaft, die Kunst und der Handel, selbst der Batt und die Kleidung — kurz Alles trug ein ebenso specifisch jüdisches Gepräge als das Gotteshaus, die Synagoge; Alles war berechnet auf die Anordnungen und Gebräuche, welche als religiöse Formen und Gesetze das Leben regelten. Es bedurfte einer verhältnihmäßig sehr kurzen Zeit, um in allen diesen Verhältniffen eine ungeheure Veränderung hcrbeizuführen. Wir haben hier keine Geschichte zu schreiben, wir wollen eben nur Eines conftattren: Nichts blieb so, wie es zu jener Zeit war; kein Israelit der Gegenwart, insbesondere in den höher civilifirtcn Ländern, gleicht in seinem Leben und Thun mehr jenem Juden aus der Epoche der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhundetts. Würden uns unsere Väter und Mütter von dazumal sehen, sie würden uns Alle, sammt und sonders, die Orthodoxesten nicht ausgenommen, .für Abgefallene halten müssen von ihren Sitten und Gebräuchen. Wir haben uns Alle ohne Unterschied veränbert; sind Alle Reformer und nur gradweise von einander verschieden. Verhehlen wir uns auch nicht, daß der erste Schritt der größte war, und daß der stärkste — cultivirte — Orthodoxe nicht nur himmelweit verschieden ist von dem Juden jener Zeit, sondern daß diese Verschiedenheit sogar bedeutender ist als der Unterschied zwischen einem Otthodoxen und Reformer der Gegenwart. Dieser Zwiespalt zwischen Herkommen und Ueberzeugung, zwischen Lehre und Leben, zwischen religiösem Empfinden und Thun hat nun zu verschiedenen Malen gewaltsame und friedliche Bewegungen hervorgerufen, deren Zweck war, eine gesetzliche Ausgleichung, eine Auseinandersetzung niit der Vergangenheit herbeizuführen. Die jüngste Frucht .dieser Bestrebungen ist die Synode. Die Rabbinerversammlungen und Conferenzen waren ebenso zu ihrer Zeit ein Ausfluß des Bedürfnisses, wie die Synode zu unserer. Eine ernste Mahnung, daß wir in der Synode nicht hinter die Beschlüsse der Rabbinerversammlung zurückgehen dürfen, in ihrer Grundlage stets den ersten Ausfluß deffelbcn Gedankens anerkennen müffen, der uns selbst zur Synode zusammenruft. Das Bedürfniß einer solchen Ausgleichung kann nicht geleugnet werden. Es tritt überall hervor und ist ebenso lebhaft bei denjenigen, die es perhorresciren, als bei uns, die wir demselben Rechnung ttagcn wollen. Ueberall wünscht man die Versöhnung zwischen Lehre und Leben, und der einfache, nach Möglichkeit dem Herkommen anhängende Landmann fühlt es eben so sehr ynd ist tt>en so lebhaft überzeugt, daß Etwas geschehen müffe, als der Mann, der durch seinen Beruf darauf angewiesen ist, an der Fortentwicklung des Judenchums thätigen Antheil zu nehmen.