Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 27 (5.7.1871)
- Date
- 1871-07-05
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 210 — taten die Berechtigung, sich Christcnthum zu nennen, abgesprochen wird, was bleibt Euch da noch übrig, um andere Confessionen oder Religionsgemeinschaften herausfordern zu können? Wo ist denn daS Christenthum? Welches ist daS rechte? Der alte,- neue,- griechische oder DeutschkatholiciSmuS? Das Christenthum des Oberkirchenrath», das evangelische, lutherische, herrhuterische, reformirte oder daS der Herren des Protestantenvereins? — Alles eitel Täuschung. Streben wir, Juden und Christen, an unserer geistigen Befreiung; die Wahrheit wird uns frei machen; (Zs strebe von euch jeder um die Wette, Tie straft des Steins an seinen Ring an Tag Zu legen! Advocem: LessingsNathan! Da erscheint unter dem Titel „Neue Blätter für die Volksschule der Hrrzogthümer Bremen und Verden und des Landes Hudeln^ eine pädagogische Zeitschrift, die un» bisher noch ganz unbekannt war, die auch dies Meisterwerk! des deutschen Dichters, des Großmeisters echter Hu-! manität — zum Gegenstand ihrer Beurtheilung macht —! auch vom christlichen Standpunkte aus. Das ist denn j wieder ein anderer Standpunkt als der der allgemeinen! deutschen Lehrerzeitung, ein echter, frommer, christlicher ' Standpunkt, und daß daher LessingS Nathan nicht j viel bester wegkommt als bei weiland Pastor Götze! ist selbstverständlich. „DaS Zudenthum kann keine hu-! mane Menschen, keinen Nathan Hervorbringen; und! gibt eS doch solche, so sind es keine Juden, sondern I gewisse und wahrhaftige -Christen." Das ist so un- 1 gefähr ckie Pointe des Aufsatzes. Es fehlt nur noch, daß der Berfaster jeden guten Christen verpflichtete, Taufwasser mit sich herumzutragen, um solche Chriftenjuden wie Nathan, wenn sie sich irgendwo finden sollten, alsbald auch des ewigen Heils theilhaftig zu machen. Es ist natürlich, daß in dieser Abhandlung manches Wort enthalten ist, daß der Intoleranz gegen Juden und > Judenthum sehr ähnlich "sieht. Intoleranz scheint eben eine auSzeicbnende Eigenschaft solcher christlichen Humanität. Herr Lehrer Spanier aus Ottersberg bat uns gegen diesen Artikel eia« sehr gut: Abhandlung eingeschickt; aber wir können dieselbe leider nicht aufnehmen, einmal weil wir schon früher über „Lessings Nathan der Weise" in diesen Blättern einen größeren Artikel Krackten und dann auch, weil die „Neuen Blätter für die Volksschule," wie seither uns, so auch jetzt noch weitaus dem größten Theile unserer Leser gänzlich unbekannt und so sehr unbedeutend sind, daß eine Entgegnung in diesen Blättern durchaus fruchtlos wäre. Das ist ganz ander» mit der „allg. deutschen Lehrerzeitung," welcher auch unsere Zeitschrift zu Gesicht kommt, wo also unsere Entgegnung ihren Zweck erfüllt. Will diese ganz unparteiisch handeln, so möge sie insbesondere unsere Belegstellen au» dem neuen Testament abdrucken. Und nun zum Artikel deS Herrn -Rothenburg; der lautet also: - Vor zwei Jahren rief ein Artikel in diesem Blatte, „Der christl.-jüdischc Religionsunterricht" eine Entgegnung von H. Klingenstein hervor. Nachfolgende Zeilen schrieb ich bald nach dem Lesen dieser Entgegnung nieder, unterlieft aber, sie damals;>t veröffentlichen. Ob ich nun jetzt zu spät komme, weift ich nicht, aber ich weift, daft der Punkt, den ick berühre, immer noch einer Besvrechung werth ist. Herr Klingcnstein sagte: „Das Ehristenthum ist nicht die Quelle, aus der die Verkündigung von Gott als Vater aller Menschen, die Heilslehre vom Bruderbund der Völker stießt. Das stnd Mosis und die Propheten." Rehmen wir das für wahr an. „Aber der israelitische Bolksgeist kam dabei nicht über einen Widerspruch binaus: er wollte sich über das blos Volksmäftigc erheben und war doch wieder egoistisch volksmäßig: sei» Gott sollte dcr Äeltgott und doch wieder der besondere Rationalgott sein: er sab in allen Menschen. Geschöpfe Gottes und doch wiederum im Israeliten den Nächsten." Schmidt, Anthrop. Bd. II, o. 411. Doch auch Mosis und die Propheten find die Quellen nicht, schon der ägyptische Philosoph Psammon hat gesagt, daß Gott der allgemeine Vater aller Menschen sei, von denen er sich die besseren zu Kindern wähle. Aber suche man doch ja nicht den Unterschied zwischen Juden- und Christenthum hierin, er liegt ganz wo anders. Schultz-Schultzenstein, die Menschenwerdung Gottes S. 44: „Indem man den Monotheismus überhaupt als die höchste Religionssorm betrachtet, hat man den Unterschied des jüdischen Monotheismus vom christlichen bisher darin gesucht, daft der Jehovah der Juden nur als Srammgott des jüdische» Volkes verehrt werde; wogegen der eine christliche Gott der Gott aller Menschen geworden sei. Hiernach wurde ein innerer principieller Unterschied zwischen Jebovab und Christus nicht Vorhandensein, und Christus würde nur alle Menschen mit dem Jehova beschenkt haben, aut den die Juden bisher engherzig allein eifersüch-' tig waren. So ist cs aber nicht, und hier liegt vielmehr ein Unterschied des innersten Princips zu Grunde, der so groß ist, als der Unterschied von Leben und Tod." Der Gott im Cbristenthum ist ein lebendiger Gott, dessen Leben innerlich ist. „Der lebendige Vater, der in uns wirkt, istder organische Bift dungstrieb;sein Wort ist wie die Lebenskraft des Samenkorns »treibend. Ter christliche Monotheismus ist lebendiger, organischerMonothcismus, der Judcngott dagegen isttodter, anorganischer Monotheismus." Weil also Juden- und Christenthum im Princip verschieden sind, deßkalb ist cs ein großer Jrthum, die Gegensätze beider ausgleichcn oder das Christeutbum aus dem Judenthum ablcitcn zu wollen. Im Betreff des Princips kontmt es aut den Unterschied zwischen Monotheismus und Polytheismus wenig an, und defthalb ist das Jndcntbun eher der griechischen Götterlebrc verwandt, als dein Christenthum; denn in jedem Polytheismus ist ein oberster Gott, Gott-Vater, vorhanden. „Ob nur ein oder mehrere Götter angenommen werden, macht keinen große» Unterschied, wenn der eine dieselben tobten Krästc äußert, wie die vielen; ja die vielen Götter der Griechen sind im gewissen Betracht besser, als der eine Jchovab, weil sic im Kampf und Wetteifer, un tereinander ihre Fehler verbessern, während der eine durch nichts beschränkt ist." (He?l Sehen wir, welche Vorstelluitg das alte Testament von Gott uns gibt. Gott befiehlt 1. Mos. ‘12 dem Abraham, sei nen eigenen Sobn zu opfern. Ist solche Prüfung mit Gottes Allwissenheit zu vereinen? Zeigt sich darin seine Allgüte und Allweisheit? Ein Mensch, der solche Prüfung veranstaltete, würde grausam und knrziibtig genannt werden.