Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 26 (28.6.1871)
- Date
- 1871-06-28
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 — jede« Werk Gottes etwa« absolut Vollkommenes in seiner Art ist. Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß der bis jetzt vorgezeichnete Lehrgang immer geistreicher und idealer gegen daS Ende zu wird; der rohe Stoss ist allmälig gefügiger, fast möchte ich sagen, geistreicher geworden. Von jetzt an verlassen wir daS Reich oeS Stoffes, um uns in das Reick des Idealismus — der plastischen und tonischen Künste — zu begeben. Wir betrachten zunächst Werke der Architektur. Mit einem au« Pappe gefertigten Modell de« SchulbauseS wird der Anfang gemacht. Dann werden andere, bessere Gebäude des Ortes betrachtet, wenn deren vorbanden sind. Unsere Bauernhäuser haben etwa« „Aesthetisch unschönes." Sie sind daher zu vermeiden. Da unsere Schulen nichts für Modelle ausgeben, so muß sich der Lehrer so . gut behelfen, als es gehen will. In einigen Stadt- und Bürgerschulen habe ich eine Menge von Gipsmodellen schöner Bauwerke von verschiedenstem Style vorgefunden, welche beim Anschauungsunterrichte mit großem Nutzen gebraucht werden. Nun kommen Werke der Skulptur an die Reihe. Als Lehrmittel gebrauchen wir Figuren aus Gyps, Thon, Blei u. s. w.; die kosten aber Geld und woher daS Geld nehmen? — „Hic haeret aqua“. Freilich hört im Geldpunkte vieler Lehrer Wissenschaft auf, doch kann man immerbin einige Figuren ohne große Kosten ansckaffen. Hat der Ort Denkmäler großer Männer, so müssen diese berangezogen und bei einem Spaziergange besprochen werden. Werke der graphischen Künste, welch« nun zu betrachten sind! Xylographien, Lithographien, Kupferstiche, Aquarellbilder, Photographien u. s. w. sind leichter zu beschaffen, da fast jeder Lehrer eine kleinere -Bildersammlung besitzt. Mit Landschaftsbildern wird der Reigen eröffnet; [bann folgen Bilder von Bauwerken und Genrebilder. Porträtbilder, sowie auch solche, w.'lche nicht künstlerisch vollendet sind, werden vermieden. Geht dem Lehrer ein Verständniß der Kunst nicht ganz und gar ab, so wird es ihm leicht werden, an die Erzeugnisse der Architektur, Skulptur und Graphik eine Menge der interessantesten Belehrungen anzuknüpfen; ja er wird die Grnugthuung haben, das geistige Auge des Kind,« geübt und deffen Sinn für das Aesthetischschöne geschärft zu haben, was nicht gering anzuschlagen ist. da Menschen mit entwickeltem Gefühle in der Aesthetik auch ein zartes moralisches Gefühl besitzen müssen. (?) Wie herrlich! durch Anschauungsunterricht kann also ein göttlicher Keim, der in der Moral gekräftigt, kann der Mensch seiner göttlichen Bestimmung nähergebracht werden! Hier noch eine beiläufige Bemerkung: Man spricht diel von einer Bildung der Geisteskräfte durch UnterrichtSgrgenstände, ohne sich aber die Wirkung dieses oder jenes Unterrichtszweiges deutlich bewußt zu sein. Es wäre an der Zeit, daß denkende Schulmänner sich daran machten, den Zusammenhang des Unterrichte« mit der Bildung der Kräfte, und Gaben der Psyche bestimmt nachzuweisen. Dann, aber auch nur dann, wäre unser Unterrichten eine sphilosophische Arbeit; dann, könnten wir mit Sicherheit voransckreitrn, um die Seele deS Kindes zu erstürmen; dann lernten wir, was noth sei, um auS rincm rechthaberischen Kinde einen bescheidenen, gesktzeSgehvrsamen Bürger, auS einem zänkischen Mädchen eine verträgliche Gattin, auS einem schwankenden Knaben einen Willensstärken Mann zu machen, mit einem Worte, wir lernten wirklich— erziehen. Wir könnten dann die Kräfte des GristeS gymnastisch schulen und hätten eine wirkliche GetsteSgymnastik, genau das, waS beim Körper das Turncn ist. Wer will der „Jahn * für den Geist werden? — Hätten wir einen Mann, der mit tüchtigem, realem und sprachlichem Wissen eine tief philosophische Bildung verbände und sich dieser Aufgabe unterzöge! Dieser würde für die Pädagogik sein, waS .Hahncmann" für die Heilkunst zu werden suchte. Hahnemann suchte nach Mitteln, welche in den betreffenden Krankheiten wirklich heilen müffen. Der zweite „pädagogische Hahnemann" brächeBahn zurKenntniß derjenigen Mi tel, welche eine gute Erziehung bewirken müssen. Und wer gut erzogen ist, muß wirklich gut werden. Vom AnschauugSunterrichte rühmte ich, daß er den Sin» für das ästhetische Gefühl schärfe, und dieses das moralische Gefühl bilde. Siehe da! ein Zusammenhang des Anschauungsunterrichtes mit dem göttlichen Gefühle der Moral! So müßte es auch Mittel geben, welche das Wollen, Denken, Empfinden, diese drei Grundsätze deS menschlichen Geistes bilden, und es gibt deren wirklich. Oder ist es Einbildung, wenn Dinier daö Rechnen den „Schleifstein des Verstandes" nennt? Ist es Einbildung, wrnn man überhaupt Wissenschaften treibt, um einen formalen Nutzen für den Geist zu erzielen? Die künftige Geistesgymnastik muß sich freilich in weit größerem Maße nach der besondern Individualität des Erziehungövbjectes richten, als eS bi« heute der Fall bei dem Unterrichte und der Erziehung zu sein pflegt. Seit ich von meiner frükeren SysyphuSarbeit erlöst bin, habe ich mehr Muße, mich von der Nothwendigkeit dieser Forderung zu überzeugen. So habe ich die Bemerkung gemacht, daß einige Kinder nach jahrelanger Bemühung das Lesen nicht gut lernten. Ich forschte nach uud fand durchgängig den Grund darin, daß das Gehörorgan für die Wahrnehmung der Consonanten nicht scharf genug äuSgebildet war, denn daS Lesen lernt man nicht mit dem Auge, sondern mit dem Ohre. (Forts, folgt.)