Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 23 (7.6.1871)
- Date
- 1871-06-07
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 — anderen llnternchtsgegenftände formal bilden, doch ist die materielle Bildung die Hauptsache dabei. Das finde ich> natürlich; doch glaube.ich, daß es bester für Schule und Lehrer wäre, wenn nicht sest den letzten zwanzig Jahren das Materiale zu schr auf Kosten des Forumlen ausgebildet worden märe. Der Anschauungsunterricht ist zwar erst in diesem Jahrhundert in die Üebung gekommen. Doch ist er schon wenigstens 200 Jahre alt. Alle Pädagogen, welche darauf sinnen, ihrem Unterrichte eine mchr reale Bafis zu geben, haben den Anschauungsunterricht auszubilden geholfen. Schon Comenius — lebte vor 200 Jahren — versuchte in seiner Polyglott.': „Orbis pictus“ dem Schüler ein Handbuch für den Anschauungsunterricht, oder vielmehr eiuen realen, anschaulichen Unterricht zu geben. Wie sehr dieses Buch seinen Zweck erfüllte, beweist, daß in neuerer Zeit (Raiter dieses Werk, nach dem jetzigen Zeitbedürfnisse verändert^ wieder herausgegeben hat. Auch ich habe den ,Ordipiodus* seit früher Jugend und verdanke demselben schr viel. Später -haben die Philanthropen im Sinne des Comenius fortgearbeitet. Als mir vor einigen Jahren das „Ameisenbüchlein" von Salzmann in die Hände fiel, erstaunte ich, in diesem sehr unscheinbaren Bmhlern eine viel benere Materie für den Anschauungsunterricht (freilich nicht unter diesem Namen) zu finden, als bei Denzel und Drage, welche mau oft a.ls „Begründer des Anschauungsunterrichtes" bezeichnen hört. Auch Roufiean, über besten Fchler und religiöse Stellung ich hier nicht zu Gericht fitzen will, gibt in seinem „Eiitil" recht beherzigenswerte Grundsätze für den Anschauungsunterricht an. Große Bedeutung für den Anichauungsuntericht hatte nanrentlich Pestalozzi, den zu veralten bei manchen nwdernen Pädagogen leider Modesache geworden ist. Pestalozzi bettachtete namentlich den menschlichen Körper und es ist erstaunliche, wie viel Belehrungen er an die Hände Ohren u. s. w. zu knüpfen verstand. Freilich hatte Pestalozzi die Mütter als Lehrerinnen des Anschauungsunterrichtes im Auge, doch haben wir Lchrer von Profession von diesen leider noch keine Concurrenz zu befürchten. Rühmend ist auch Harnisch anzuerkennen, d» er nicht nur das Auge, wie alle seine Vorgänger, sonder auch die übrigen Sinne durch den Anschauungsunterricht gebildet wifien -wollte. Schade nur, daß er den Anschauungsunterricht zu einer Magd des Sprachunterrichtes herabwürdigtc, wodurch es denn kam, daß sein Werk: „Erste -faßlicheAnweisung zum vollständigen deutschen Sprachunterrichte." mit der Herrschast des Becker'- schen Sprachsystems »eisten Werth verlor und der Vergessenheit anheimfallen. konnte. Gen» würde ich von Graser, den ich hoch verehre, etwas über den Anschauungsunterricht sagen', wenn sich dieser denkende Kops nicht zu allerhand seltsamen Widersprüchen hätte verleiten lasten. lieber sein „Ringen nach einer organischen Bilduna der Kmdesnatur" vergaß dieser leider den formalen Werth mancher Unterrichtsgegenstände anzuerkennen. Er hat deßhalb auch dem Anschauungsunterrichte nicht förderlich gedient, einem Unterrichtszweige, der sich chm so gern als organisches Bildungsmittel" dargevoten hätte. (Fortsetzung folgt.) Künstliche Aeberheöimg. Man hört immerfort die Franzosen wegen ihrer Gloire-sucht tadeln; wir glauben, sie ist der Christenheit trotz der gepredigten Demuth des Christenthum» an sich eigen. Die Ruhmsucht ist bei den Franzosen einseitig militärischer Natur, die Ueberhebung de» Christenthum» aber nicht bloS in religiöser Beziehung, sondern ebenfalls in Bezug auf Wifienschast, Kunst, Moral und Bildung überhaupt ist ganz allgemeiner Natur. Ja selbst in nationaler Beziehung rühmen sich dir christlichen Völker als arischer Abstammung einer natürlichen Bevorzugung vor den Völkern semitischer und chamilischer Race. In dieser Beziehung haben wir ein Bach mit Interesse gelesen: Die Culturgeschichtc im Lichte des Fortschritts, von Otto Henne — Am Rhhn. Leipzig, Otto Wigand 1869. Nicht, daß wir den Anschauungen und Folgerungen de» BuchS beisttmmten; es huldigt ja ebenfalls dieser Gloire-sucht der christlichen Arier und ist voll der Vorurtheile und Jrrthümer in Bezug auf Juden und Judenthum. Aber eS hat ein freie» Urtheil über Christenthum, unterscheidet'sehr wohl das paulinische und historische Christenthum von dem jüdischen Urchristenthum, hat ein offenes Auge für die- Grundsätze und Formen deS Heidenthums, welche es ausgenommen hat, nicht bloS um der Heiden willen, sondern di« eS auch zu Nutz und Frommen der Gläubigen unsrer Zeit noch pflegt und vermehrt. Es wird damit offener Freimüthigkeit der herkömmliche Hochmuth deS ChristenthumS gebrochen und die ihm eigenthümlicke Gloiresucht abgrstreift. Die Wissenschaft ist, wie bekannt, gar nicht durch die Kirche, sondern trotz ihr gepflegt worden; sie war ihr mehr feindlich, als freundlich. und ihreBlüthe ist ein Verdienst der Humanist«. Die Kunst wurde als Magd, aber nicht als Tochter der Kirche behandelt, und war überhaupt mehr ein Ausfluß des heidnischen Elementes. Ihre freie und universal« Richtung erhielt die Kunst nicht von der Kirche, sondern im Gegensätze zu ihr. Von der Moral wird an- 1