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Der israelitische Lehrer · 1871-06-07 · 23 (7.6.1871) · p. Seite 179

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
23 (7.6.1871)
Date
1871-06-07
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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— 179 — tun der öoföWn von vorn herein Rücksicht gcaonu wen »erben. (Schluß folgt.) FleSer Anfchammgsmrterricht und Siuuenbitdung. Von Joseph Oppenheim, Cantor und Lehrer zu Rodenberg in der Provinz Hessen. Motto: Der Anschauungsunterricht ist die Wurzel alles Unterrichts, der Anfang aller Unterrichtsgegenständr. Harnisch. Es kann dem aufmerksamen und denkenden Pädagogen nicht entgeben, daß die Pädagogik iwch immer nicht aus dem bloßen Experimentiren herausgekommen ist. Wir scheu den einen Schüler etwas lernen und einen brauchbaren Menschen werden, während der andere bei derselben Erzichung und demselben Unterrichte und sogar scheinbar gleichen Anlagen nichts lernt oder gar ein schlechter Mensch wird. Lein Stand hat 'so uveifelhaften.Erfolg bei redlicher Arbeit als eben der Lehrerstand, wir müßten etwa beu Stand der Aerzte ausnehmen, welch« auch nicht wissen, ob chre Pillen. Mixturen und Latwergen heilen, nicht heilen — oder gar tödten. Der Hauptgrund des ebengeschildertcn Uebelstandes ist ohne Zweifel der, daß die Erzieher und Lehrer die Objecte ihrer 7 hätigkeit, die Kinder, viel zu wenig kennen. Zwar wissen die Erzieher und Lehrer, wie das Kind heißt, wie all es ist n. s. w., ob es aber ein sanguinisches oder cholerisches Temperament, ob es ein zarteres oder derberes Nervensystem, schärfere oder stumpfere Sinne habe; wie well die Ursache von schwachen und schiefen Urtheilen in rohen und unausgebildeten Sinneseindrücken oder in Bewußtlosigkeit oder Trägheit des Geistes zu suchen sei; endlich welche Richtung die fernere, geistige und leibliche Ausbildung des Kindes nimmt, welche Tugenden und Fehler keimartig vorhanden sind — das wissen sie niicht. Und doch ist die Lenntniß der Kindesnatur so unendlich wichtig! Was würde man z. B. von einem Goldschmiede sagen, der Glimmer für Gold und Blei für Silber hielte? Wie viel edler und werthvoller ist aber die Seele des zwei Wellen angehörenden, angehenden Weltbürgers! Wer wollte es bestreiten, daß nur Erzieher und Lchrer nicht aar oft Glimmer für Gold nnd umgekehrt und Blei für Silber und umgekehrt hallend Statt vieler Beispiele, die ich aus Meiner eignen, nicht sehr langen Lehrerpraxis anführen könnte, erinnere ich nur an den dänischen Dichter „Andersen," den seine eignen Lchrer einen Dummpfkopf und Verrückten zu benennen wagten und dem armen Andersen dadurch eine lange Kette von namenlosen Leiden und Widerwärtigkeiten bereiteten. Und doch war Andersen der „größte Däne seines Jahchundetts" und einer der edelsten Eharactere seiner Zeit. Die Mittel, welche zur Erzielung einer grmtdlicheren Kenntniß des Linderwesens anzuwenden, sind namentlich ein scharfes Auge und gute empirische Beobachtungsgabe, häufiger Umgang (auch außerhalb der Schulzimnierwände) und in besonnener und beichränller Anwendung die Psychologie (am Besten nach Beneke). Physiognomik und Phrenologie. Eigentlich sollte der Lehrer nicht eher sein W«k beginnen, als bis er die Objecte seiner Thätigkeit ganz genau kennt. Aber welche Schulbehörde würde damit zufrieden sein? — Ein anderer Hauptgrund unserer geringen Erziehungserfolge ist der, datz wir zu wenig Bewußtsein von der Wirkung unserer Arbeit haben Im Laufe nieiner Darstellung werde ich es versuchen, die Wirkung des Anschauungsunterrichtes auf den jugendlichen Geist nachzuweisen. ein Ziel, welches ich auch für alle andern Unterrichtsfächer erfttebe. Als dritte Ursache jenes Mangels ist ein unzeitiges Beginnen und .eine schlechte Methodik der .Unterrichtsfächer anzuklagen. Ist es wahr, daß all unser Wißen und Erkennen auf sinnlicher Wahrnehmung beruht, so kouimt es vor allem darauf an, daß die Organe, welche die Außenwelt in der Seele abspicgeln, möglichst ausgebildet sind. Ist es ferner wahr, daß bei den meisten Kinderndie Sinneseindrücke sehr roh und unvollkommen sind, und daß durch planmäßiges Ueben eine größere Schärfe der Auffassung derselben erzielt werden kann, so kann bei denkenden. nach naturgemäßen Principien handelnden Pädagogen nur eine Stimme sein, daß mit Sinnenbildung der eigentliche Unterricht beginnen müsse. Scharfe, recht aufmerksame und geübte Sinne sind nicht hoch genug anzuschlagen. Man denke nur an den veredelnden Einfluß, den eine gute Musik, auf den nnt einem guten musikalischen Gehör begabten, nicht immer musikalisch Sschulten Zuhörer macht. Für den rohen Smnesmenen ist die Musik als Bildungsmittel absolut nicht vorhanden. (?) Sind die Sinne geschickt, der Seele, deutliche und scharfe Bilder zuzuführen, so ist der Weg zur Seele gebahnt; sonst aber nicht. Die Rolle der Sinnenbildung hat nun der Anschauungsunterricht zu übernchmen. Daneben hat aber derselbe auch noch elne formale Wichtigkeit, worauf besonders aufmerksam zu machen ist. (/Er ist der einzige Unterrichtsgegenstand unserer Schule, welcher ohne jegliche materielle Beimischung ist. Zwar sollen auch alle

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