Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 21 (24.5.1871)
- Date
- 1871-05-24
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 163 — ES ist nichts anderes, als eine Ueberschätzung der weltlichen Bildung gegen die religiöse. Bei jener treten die Dortheile im äußern Leben zu Tage. Intel ligenz und Kenntnisse, wie sie die Wirksamkeit und der Verkehr unter cultivirten Nationen erfordern, bieten den Eltern die Mittel, ihren Kindern in pekuniärer und socialer Hinsicht eine Stellung und Geltung in der Gesellschaft zu begründen. Bon dieser Aussicht auf materielle Vortheile geleitet, übergeben die Eltern ihre Kinder oft schon im zartesten Alter den Schulen, lasten sie da in allen möglichen WisienSfächern unterrichten, um sich frühzeitig die manchfachsten Kenntnisie in den Realien und Sprachen zu erwerben. Einem großen Theile liegt es dabei an wahrer Geistesbildung, an naturgemäßer Entwickelung und Aufklärung selbst weniger, als an einem großen Maße von Kenntnisien. Zn diesen erblicken sie den werthvollsten Sckatz fürs Leben, von dem sie das zukünftige Glück ihrer Kinder hauptsächlich erwarten. Um ihnen diesen Schatz zu verschaffen, werden Zeit und Kräfte auch im Hause im vollsten Maße, »ft bis zu einer unverantwortlichen Abspannung und Ermattung in Anspruch genommen. Unter diesen Umständen bleiben denn der Jugend spärlich zugemrsiene Stunden für den Religionsunterricht übrig. Was läßt sich wohl da anders erwarten, als daß das religiöse Interesse immer mehr erkalten muß? Möchten die Eltern aber doch bedenken, daß der Mensch nicht um de» BrodeS willen allein in der Welt lebt! *) Alle haben den innigen Wunsch, das Glück ihrer Kinder zu begründen. Wird eS denn auf diesem Wege in Wahrheit begründet? — Sind kenntnißreiche und geschickte Menschen in der That auch tüchtig« und charaktervolle, die ihre Pflichten in ihrem künftigen Berufe so treu und zuverlässig erfüllten, daß sie sich und der Welt genügen? Ohne Religion und Gewissenhaftigkeit ist weder Wahrheit noch Treue» weniger aber noch aufopferungsfähige Thatkraft denkbar. Und wenn unserer Jugend mit dem Wissensschatz jene erhoffte glänzende Existenz schon sicher verschafft würde, sie hätte dabei aber sich selbst, ihr« Seelenruhe und Meuschenwürde verloren, müßten jene herrlichen Hoffnungen nicht als leere bittere Lebenstäuschungen erscheinen?! das Leben und es gibt nur eine Frucht des irdischen Lebens: ein heiliges Gemütb und zum Wohl der Gesellschaft dienende Werke. Welche Macht und Würde hat der Mensch? Nichts zu lhun, als was die Gottheit selbst billigen würde, und Alles aufzunchmen, was ihm Gott anweist. Schiller: „Philosophie und noch weit mehr ein muthiger und durch die Religion erhabener Sinn sind fähig, den Einfluh der thierischeNSensationen, die das Gcmüth des Kranken bestimmen, durchaus zu schwächen und die Seele gleichsam aus aller Cohärcnz mit der Materie zu reißen." •) 0"+r?>r> i?b erb b? ni ’s Ja weniger der Mensch in seinem Innern befriedigt ist, desto mehr sucht er in äußerem Sinnengenuß diese Befriedigung. Wie aber könnte an eine innere Beftiedigung auch nur gedacht werden, wmn man den tiefsten und heiligsten Trieb des MenfchengeisteS unbefriedigt läßt, das Verlangen nach Gott, Wahrheit und Tugend, wenn man diese ewigen Güter nebensächlich betrachtet, oder gar al« LehenSgüter leugnet?! — Daher begegnen wir in unserer Zeit neben allgemeinen humanen Bestrebungen so vielfachen traurigen Verirrungen auf sittlichem Gebiete, einem rastlosen Haschen und Treiben nach Reichthum, daS die Kräfte vorzeitig aufreibt und daS unredliche Geschäfte der manchfachsten Art als erlaubte Mittel benutzt, sobald nicht polizeiliche Gesetze sie beschränken. Anderer SeitS erblickt man einen Luxus, der die pekuniären Verhältnisie fast aller Stände überschreitet; eine ungezügelte Genußsucht, hie an einer einfachen, vernünftigen Lebensweise einen vollständigen Widerwillen findet, so daß immer neue Sinnengenüffe erfunden werden müssen; eine geschlechtliche Ausschweifung, die selbst der geweihten Bande der Gatten nicht mehr achtet. Wird nicht selbst die Tugend oft verspottet, wo sie nicht mit berechnender Klugheit verbunden, Herzensgute für Geistesschwäche, gewisienhaste Pflichterfüllung für Pedanterie und Gottesfurcht als ein Produkt des Aberglaubens erklärt?! Alle diese Krankheiten unserer Zeit haben sich in dem Grade vermehrt, wie die Religion sich vermindert hat. Was für ein Wunder ist eS daher, wenn in unseren Tagen sich so leicht trostlose Verzweiflung der Gemüther bemächtigt, die nicht selten Wahnsinn und Selbstmord zum Gefolge haben, sobald die Vermögensverhältnisse schwanketld und die Aussichten auf Erwerb trüber werden. Während der Gott vertrauende in allen Lebenslagen einen sicheren Führer hat, sieht sich der Gottesleugner im schweren Lebenskampf nur zur Oual geschaffen und einem unbarmherzige» Fatum preisgegeben. Wer wollte bei diesen unleugbaren krankhaften Zeiterscheinungen, den nothwendigen Folgen einer materiellen Lebensrichtung, verkennen, daß der ernste Ruf an Haus und Schule ergeht, denselben mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegen zu arbeiten, auf daß lebensfrischere Früchte aus der Saat unserer Jugenderziehung reife! — Und welches wären diese Mittel? — Zunächst werde das Kind schon frühzeitig mit dem Glauben an einen unsichtbaren, aber allgegenwärtigen Gott vertraut gemacht, dem Alles feinen Ursprung verdankt und der den Menschen üiit all seinen Gedanken, Wünschen, Reden und Handlungen aufs Genauest« kennt. „Gottesfurcht ist der Anfang aller Weisheit" lehrt die heilige Schrift. Auch die heidnischen Völker betrachteten die Furcht vor den Göttern als die Wurzel der Tugend. Und welcher Vater nnd Lehrer könnte