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Der israelitische Lehrer · 1871-05-17 · 20 (17.5.1871) · p. Seite 155

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
20 (17.5.1871)
Date
1871-05-17
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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— 156 — Aie religiöse Hrjiehung unserer Zeit. E« ill r'n traurige» Zeichen unserer Zeit, daß die religiöse Erziehung und somit auch der "Unterricht in Religion immer mehr in den Hintergrund tritt, je mehr der Sinn für allgemeine Bildung in allen Volksschichten zunimmt. Wie wahr diese Behauptung ist, fleht «an am deutlichsten in dem beschränkten Maaße, das dem Religionsunterricht in allen höheren Lehran stalten angewiesen wird, wie nicht minder an dem geringen Jnterefle, das sich durchweg für den Religionsunterricht zeigt. Sucheu wir un» zunächst di« Ursachen dieser traurigen Erscheinung vorzusühren. Steht die Religion mit der allgemeinen Bildung wohl im Widerspruch? Oder hat sie ihren Werth an und für sich wie ihren tiefen Einfluß, auf die Gesittung und Wohlfahrt der Menschheit verloren? — Wohl mag diese» von den Realisten behauptet werden, welche nur den Bildungsfächern Werth zuschreiben, von denen ein materiiller Nutzen für'» Leben sich Nachweisen läßt, sowie von allen denen, die pietistische Askese und blindgläubige Dogmatik irrtbümlich mit geläuterten Religionsgrundsätzen verwechseln. Keineswegs aber wird eine solche Behauptung von der Mehrzahl unserer Zeit- und Glaubensgenossen ausgestellt, sosehr sich auch materielles Streben unserer Zeit bemächtigt hat. Untersuchen wir zuvörderst, ehe wir der Hauptursache erwähnen, ob denn wirklich zwischen Religion und Bildung ein Widerspruch vorhanden ist. WaS ist Bilduna? wo» ist Religion? — So verschieden auch die Desinitionen über Bildung gegeben werden und so vieldeutig des Worte« Begriff auch ist, so stimmen doch alle hervorragenden Pädagogen darin überein, daß Bildung, — insofern allgem eine Mens ch»n bildung darunter ««standen wird, — nicht» Andere» sri, als die allseitig« harmonische Entwickelung aller Geisteskräfte damit der Mensch befähigt werde, in seiner E'leuchtung und Veredlung mit Bewußtsein sortzuschreiten. sein und seiner Mitmenschen Wohl immer mebr zu heben und zu fördern. •) Und was ist Religion? Die Thora und mit ihr in Uebereinstimmung die Rabbineu erkennen in der ächten Gottesfurcht vereint mit der ung etbetltrn hingebenden Liebe de« Höchsten und Heiligsten da» Wesen und die Aufgabe der Religion. Wer da« menschliche Wesen in seiner Gvttähnlichkeit nicht verkennt, der kann sicher seine erhabene Bestimmung nicht leugnen, durch ei« ganze Hingabe zum Höchsten, immer vollkommener zu werden an Wahrheit, Tugend *) Siebe Schmidts Encyklopädie der Erziehung und des Unttrrtchts. und Gesittung. Und daher finden wir weder in der Verzangenheit noch in der Gegenwart einen VolkSlehrer oder Gesetzgeber, der nicht in demselh n Grade die Religion, wie die Jugendbildung als da» Fundament wahrer VvlkSwoblfahrt betrachtet hätte. Hat die allgemeine Bildung die intellectuellen Krästr zu ent- ' wickeln, so die religiöse dir elbischen. Vereinigt aber j nur läßt sich da« echt Humane im Menschen erreichen. •) j Religion und Bildung stehen nicht im Widerspruch, weder ihrem Wesen noch ihrer Bestimmung nach; aber sie müsien Beide eng verbnndrn sein, wenn der Mensch nickt mit sich selbst und seiner Bestimmung entzweit sein soll. Nur die Verkennung de« Wesender Religion hat die Menschen zu den deklagenSwerthen ianatischen Verirrungen auSschreiten lassen, hat den Aberglauben mit seinen manchfachen Wahngebilden für den einfachen und erhebenden Gottglauben gesetzt, asketische Werkheiligkeit statt de« Rechte«, der Wahrhrit und Tugend als die' eigentliche Aufgabe der Religion erklärt. DerH armonie de« Verstand e« und Herzen« und daher der vereinigten intellectuellen und religiösen Bildung nur wird e» gelingen, daß der Mensch seiner! Aufgabe der Art entspreche, daß er sich al» Individuum, wir der Menschheit al« Glied drS Ganzen genüge und mit sich selbst zufrieden sein könne. Sv fordert e« die mosaische Lehre mit den Worten: yrbtt *n Dy rrnn D’en V. B. M. 18,13. Ganz sollst Du Dich halten an den Ewigen, deinen Gott. Von dieser Ueberzeugung gingen auch die späteren hervorragendsten Lehrer Israels <ui«. So lehrte Rabbi Elieler Sohn Asaria«: Ohne Weisheit gibt es keine Gottesfurcht, ohne Einsicht keine Erkenntniß, wie ohne Kenntnisse keine Einsicht. Rabbi Gamlirl Sohn de«; Rabbi Jehuda de« Fürsten sagte: „Schön ist das Studium der GotteSlebre vereinigt mit Weltsitte und I jede Lehre, die nicht mit einem weltlichen Geschäfte! verbunden» ist von keinem Bestand« und hat Sünde! zum Gefolge. Dos 2,2. Jede einseitige Erziehung und Bildung widerspricht der Wahrheit, verkennt da« Leben mit seinen Bedürfnissen und Zielen und führt daS Individuum zur Trennung von der menschlichen i Gesellschaft und Zerrissenheit mit sich selbst. Wird bloß die intellrctuelle Seite bei der Bildung berückstchttgt, da« Gemüth aber vernachlässigt, so bleiben ihm alle jene erhabenen Wahrheiten verschlossen, did nur in der Tiefe de« Herzen« gefühlt, mit dem Geiste aber nicht als Vorstellung erfaßt werden können. Dahin gehören alle sittlichen und ästhetischen Gefühle, der Sinn "für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Sitte und Anstand, Wohlwollen und Dankbarkeit, herzliche Thrilnahme an fremdem Geschicke in Freud und Leid; *) Herder in seinen Briefen über Humanität.

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