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Der israelitische Lehrer · 1871-04-26 · 17 (26.4.1871) · p. Seite 134

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
17 (26.4.1871)
Date
1871-04-26
Page
Seite 134 (sequence 6)
Language
German
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134 — besten Rohheit wenigstenSunit der im Kriege liegenden Der» «ilderung des Rechtsgefühls entschuldigt werden kann; während Ihr, den Juden angethaner Schimpf, aus der geber eines Mannes kömmt, von dem man schon deßhalb mit vollem Rechte die unbeschränkteste Boruttheilslofigkeit erwarten dürfte, da er .. im neuen Reich" für die Grundsätze der neuen -Zeit thätig sein soll. Soll etwa Ihrer Ansicht oder richtiger gesagt. Ihrem Gefühle nach, im neuen deutschen Reich das alte Borurtheil gegen die Juden, wie bisher seinen Lieblingssitz habend Soll dieses Borurtheil auch fernerhin im deutschen Kaiserthum regieren, wie es bisher im Königreich Preußen -die Gesetzgebung beeinflußt hat? Wenn selbst ein Mann Jhresglcichen.-dcr auf der Höhe der Zeitbildung steht, der mit Recht als einer der besten Geschichtschreiber der deutschen Civilisation gilt, und als einer der edelsten Kämpfer für Fortschritt uno Freiheit verehrt wird, wenn selbst ein Gustav Frcytag sich nicht schämt, den alten häßlichen Chorus gegen die Juden immer aufs Neue anzuftimmcn: westen wird man erst von Seiten der deutschen Junker und Mucker gewärtig sein wüsten, die augenblicklich „im neuen Reiche außer der Feder auch noch das. Steuer führend Sie rufen am Schluffe Ihrer vom wahrhaft pa- . triotischen «Ehr- und Pflichtgefühl einaegebenen Mahnung den deutschen Kriegern^die herrlichen Worten zu: „Wir find stolz und glücklich über Eure Kriegsthaten; erhaltet Euch auch als Menschen der Nation wetth und ehrwürdig. ^Kehrt, ö kehrt aus diesem furchtbaren Kriege alle zu uns zurück mit lauterem Gewiffen und mit reinen Händen!" Haben Sie beim Niederschreiben dieser Sätze daran gedacht, daß Sie so eben selbst Ihr Gewiffen und Ihre Hand durch ein einziges Wort mit einer schweren Schuld belastet habend Es floß Ihnen — werden Sie sagen — so unschuldig aus der Feder. so harmlos schrieben Sie es hin, das Wort: Juden; Sie hätten dabei weiter an nichts Arges gedacht, als an eine althergebrachte Redensatt! — Wenn aber diese althergebrachte Rcdensatt Lanz dazu jangethan ist, einem iür die Errungenschaften des neuen Reiches gefährlichen Borurtheile frische Nahrung zuzusühren, wird dann Ihre Auslaßung noch immer eine harmlose bleiben? Ich halte Ihnen Ihre eigenen Wotte entgegen, Herr Frcytag? Sie sagen, indem Sie, für das Ungebührliche der von Ihnen ins wahre Licht gestellten Besitznahme fremden Gutes, selbst die Führer der deutschen Truppen zur Verantwortlichkeit ziehen: „Ein Mann von höherem Selbstgefühl kauft keine Waare. von der er weiß, daß sie auf unehrliche Weise in den Handel gekommen ist!" — Das, was ein Kommandirender in der Armee ist, gilt ein Schriftsteller von Ihrer Rangstellung in der Literatur. Ein Manteuffel fühtt Soldaten in die Feldschlacht, ein Frcytag fühtt seine Leser in den Kampf für dre Fottschrittsidee. Darf nun Jener bei seinen Soldaten nicht dulden, daß eine Waare gekauft wird, von der er weiß, daß sie auf unehrliche Weise in den Handel kam; darf Dieser erst recht nichtzuacben. daß der Leser ln seinem Buche einen Ausdruck findet, welcher allbekanntlich sein Dasein der mittelalterlichen Barbarei und dem Geiste des Rückschritts zu verdan» ken hat. Mit Ihren Gefühlen haben wir «4 nicht zu. thun. Ob, und welche gegründete Ursache Sie haben, ein feind» seliges Gefühl gegen die Juden zu hegen; ob und welchen nachhaltigen Einfluß Ihre genossene Erziehung und Ihr genossener Schulunterricht auf Ihr Borurtheil gegen die Juden ausgeübt hat: darüber steht Niemand ein Recht der öffentlichen Beuttheilung zu; das ist Ihr moralisches Privateigenthnm. Aber Ihre schriftstellerische Gedankenarbeit, die der ganzen Welt, und folglich auch uns gehött; Ihre Thätigkcit, „im neuen Reich," welches nicht blos den Christen, sondern auch den Ju» den rechtmäßig zugänglich ist, muß sich der Kritik unterziehen, und darf nicht unbehelligt gelassen werden, wenn sie sich gegen den Geist der neuen Zeit versündigt. Und Sie haben sich gegen diesen Geist, welcher doch „im neuen Reich" gewiß nicht fehlen durfte, schwer versündigt, Herr Freitag, indem Sie mit einem Federzuge die „Juden zu Händlern" mit geraubtem Gute zeichneten! Wäre es nicht vollkommen hinreichend gewesen, wenn Sie nur von „Unterhändlern" allein gesprochen? Mußten die Juden um jeden Preis herbeigezogen werden, um den unehrlichen Schacher mit scheinbar herrenlosem Gute zur haarsträubenden Staffage zu dienen? Muß das erdichtete Geschlecht der „Pinkuste und Jtzige" immer von Neuem herbeigeschlcppt und auf die Schlachtbank des Borutthcils gelegt werden? Wird man auch im „neuen Reich" fortfahren, in irgend einem -schlechten Kerl, der mit gestohlenem Gut handelt, und der zufällig ein „Ungetaufter" ist, auch noch den „Juden" zu beschimpfen? — Das kann doch Ihre Absicht nicht sein, Herr Freytag? Nicht alle deutschen Juden schachern mit alten, abgelegten Hosen oder heimlich bei Seite geschafften neuen Wertsachen! Wir sind sogar Äerzeugt, daß nur sehr Wenige von ihnen solch schmutzigen Handel treiben, einen Handel, an dem überhaupt Niemand anders als das „alte Reich" mit seinen „Kammerknechten" und seinen „Judengassru" die ursprüngliche Schuld ttägt. „Im neuen Reich" nehmen die Juden erne bürgerliche Ehren» stellung ein, welch« sich sogar noch auf jene halbvergangene Zeit zurückdatitt, wo man ihnen die bürgerlichen Rechte noch verweigette. ES wäre namentlich „im neuen Reich" schon die höchste Zeit, von der deutschen Nasion den Schimpf abzuwenden, daß ihr mächtigster Staat noch im Jahre 1870, kurz vor Ausbruch des Ktteges, der einzige Kulturstaat auf der ganzen Erde war, welcher für seine Bürger jüdischen Glauben» noch

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